3. Juni 2012

Mamablog: «Weshalb fahren Familien auf Homöopathie ab?»

Am 10. Mai erschien auf dem «Mamablog» des Tagesanzeigers ein Artikel, welcher der Frage nachgeht, warum Homöopathie bei Eltern so beliebt sei:
Zunächst sei bemerkt, dass der Mamablog-Artikel keine Daten präsentiert, welche zeigten, ob Homöopathie bei Familien besonders verbreitet sei («Das bestätigen Homöopathen und die Regale von Buchläden: Dutzende Ratgeber und Nachschlagewerke versuchen dem Laien diese Alternativmedizin näherzubringen. Viele Buchtitel richten sich dabei explizit an Familien.»).

Dennoch ist der Artikel lesenswert, da er einerseits gut beschreibt, warum es für Eltern vielleicht verlockend sein kann, Homöopathie anzuwenden - und andererseits demonstriert, wie egoistisch Eltern sein müssen, um ihren Kleinkindern Homöopathie zu verabreichen.

Der Reiz der Homöopathie

Die Autorin erklärt zunächst, dass die Lehre der Homöopathie nicht eben simpel ist:
Die Eltern müssen also die Art des Schmerzes bestimmen sowie den allgemeinen Zustand des Kindes erfassen können.
Das ist anspruchsvoll. Und alles für eine Behandlung, deren Wirkung umstritten ist.
Weshalb also ist die homöopathische Behandlung für Eltern derart attraktiv?
Ein berechtigter Punkt, und die vermutete Antwort ist auf einer emotionalen Ebene nachvollziehbar:
Vor allem wohl, weil sich viele Eltern gegenüber der Schulmedizin eine Alternative wünschen. Sie sind irritiert, wenn ihnen der Arzt bei einem normalen grippalen Infekt eine Handvoll chemischer Medikamente in die Hand drückt, damit sie diese dem Kleinkind verabreichen. Die Eltern setzen mit der Homöopathie auf eine natürliche Methode, die im Gegensatz zu Medikamenten keine Nebenwirkungen hat.
Damit ist der elterliche Beschützerinstinkt angesprochen: Man will das eigene Kind nicht vermeintlich aggressiven Stoffen aussetzen, und setzt stattdessen lieber auf angeblich mildere Heilmittel. Und bereits hier setzt die Liebe zum eigenen Kind aus und beginnt der eigene, egoistische Glaube.

Was ich glaube, hat mein Kind zu schlucken

Im letzten Zitat schreibt die Autorin, Eltern wollten anstatt «chemischer» Medikamente eine «natürliche» Methode, wie eben Homöopathie. Die Mamablog-Autorin zeigt mit diesem Argument, dass sei als Homöopathie-Verfechterin nicht gewillt ist, die Marketing-Glaubenssätze der Homöopathie zu hinterfragen.

«Chemisch» wird von der Autorin als negativer Begriff benutzt; was «chemisch» ist, ist schlimm und automatisch «unnatürlich». Das ist kompletter Unfug: Synthetisch hergestellte Medikamente sind genauso «chemisch» wie Wasser, Wiesen und Wälder.
Was die Autorin tatsächlich meint, ist etwas anderes. «Chemisch» bedeutet, dass Substanzen mit erklärbaren Eigenschaften auch erklärbare Folgen haben. Das fehlt bei der Homöopathie, wo es um Zauberei geht.

Weiter steht im Artikel:
Hinzu kommt, dass man damit nichts falsch machen kann – vorausgesetzt natürlich, man versucht sich nicht an schweren oder chronischen Krankheiten. Dies erlaubt es den Eltern auszuprobieren: Hilft ein Mittel nicht relativ bald, war es wohl einfach das falsche. Es gilt ein neues zu wählen, ganz nach dem Prinzip «nützt’s nicht, so schadet es auch nicht». Wird der Schmerz, der Husten, oder der grippale Infekt danach nicht rasch besser, kann man ja noch immer zum Arzt, so die Überlegung.
Auf den ersten Blick ist das eine vernünftige Haltung: Bei schweren Gebrechen trotzdem zum Arzt, und ansonsten halt ein bisschen Globuli. Ein guter Kompromiss? Nein.

Zunächst ist aus rein praktischer Sicht zu beachten, dass die meisten Menschen keine medizinische Ausbildung haben und entsprechend schlecht bestimmen können, wann bestimmte Symptome harmlos sind und wann nicht.
Weiter erkennen Homöopathie-Nutzerinnen und -Nutzer nicht, dass sie mit diesem Argument indirekt anerkennen, dass Homöopathie nicht hilft. Wer im Voraus klarstellt, dass Homöopathie nur bei harmlosen Gebrechen eingesetzt werden soll und nicht in gefährlichen Situationen, erklärt damit, dass die angebliche Wirkung der Homöopathie nur dort wirkt, wo eine Heilung sowieso zu erwarten ist. Das ist der grosse Erfolg des Homöopathie-Marketings: Zustände, welche der menschliche Körper in der Regel selber bewältigen kann, zusätzlich mit Globuli «behandeln», und Erfolge können fast nicht ausbleiben. Es ist enorm simpel, solche Korrelationen herzustellen.

Die Autorin beschreibt in obigem Zitat auch, dass Eltern einfach ein anderes homöopathisches Mittel ausprobieren können, wenn der gewünschte Erfolg ausbleibt. Das ganze Prozedere betrifft - das darf nicht vergessen werden - Säuglinge und Kleinkinder. Was die Autorin hier also propagiert, ist das Herumexperimentieren an Kindern, um den eigenen Glauben bestätigt zu sehen. Wer tatsächlich an die angeblichen paranormalen Eigenschaften der Homöopathie glaubt, kann zum Beispiel einfach nicht ausschliessen, dass doch sehr gravierende Nebenwirkungen entstehen.

Nicht fehlen darf natürlich das Totschlagargument «Nützt’s nicht, so schadet es auch nicht» - doch, es schadet eben, wenn das Kind durch das Vorenthalten richtiger medizinischer Betreuung unnötige Strapazen erleidet.

Das Argumentarium des Mamablog-Artikels endet hier, und der Rest sind - wie könnte es anders sein - persönliche Anekdoten der Autorin. Dabei zeigt sich, dass auch eine scheinbar überzeugte Homöopathie-Anhängerin entweder nicht wirklich an das Ganze glaubt, oder nicht wirklich informiert ist:
Doch ich muss zugeben: Ich pröble nicht lange, denn allzu viel traue ich mir auf diesem Gebiet nicht zu. Wird der Zustand des Kindes mit den Kügelchen nicht schnell besser, wähle ich wenn nötig relativ rasch die Nummer der Homöopathin oder des Arztes.
Wenn die Autorin nur auf kurzfristige Ergebnisse hofft, missachtet sie eine der wichtigen Regeln der Homöopathie: Die Erstverschlimmerung oder «Erstreaktion». Dazu Hahnemann («Organon der Heilkunst», 6. Auflage):
Bei der Erstwirkung der künstlichen Krankheits-Potenzen (Arzneien) auf unsern gesunden Körper, scheint sich (wie man aus folgenden Beispielen ersieht) diese unsere Lebenskraft bloß empfänglich (receptiv, gleichsam leidend) zu verhalten und so, wie gezwungen, die Eindrücke der von außen einwirkenden, künstlichen Potenz in sich geschehen und dadurch ihr Befinden umändern zu lassen, dann aber sich gleichsam wieder zu ermannen, und dieser in sich aufgenommenen Einwirkung (Erstwirkung) a) den gerade entgegengesetzten Befindens-Zustand (Gegenwirkung, Nachwirkung) wo es einen solchen giebt, in gleichem Grade hervorzubringen als die Einwirkung (Erstwirkung) der künstlich krank machenden, oder arzneilichen Potenz auf sie gewesen war und zwar nach dem Maße ihrer eignen Energie - oder, b) wo es einen der Erstwirkung gerade entgegengesetzten Zustand in der Natur nicht giebt, scheint sie sich zu bestreben, ihr Uebergewicht geltend zu machen durch Auslöschen der von außen (durch die Arznei) in ihr bewirkten Veränderung, an deren Stelle sie ihre Norm wieder einsetzt (Nachwirkung, Heilwirkung).
Also, liebe Eltern: Wenn auch nach der Einnahme der Globuli keine Verbesserung beim Kind eintritt, einfach weiter warten - es ist ganz normal, dass das Kind ein bisschen leidet.

Und an die Mamablog-Autorin, wie an alle anderen Homöopathie-Verfechterinnen und -Verfechter, ein Lesetip:
Bei der Homöopathie fällt wie bei anderen Religionen auf, dass die Gläubigen die eigenen mystisch-religiösen Texte nicht allzu oft lesen.

Fazit: Die Wirklichkeit ist auch nur eine Meinung

Der Mamablog-Artikel schliesst mit folgenden Sätzen:
Ob diese Erfolge nun das Ergebnis der homöopathischen Mittel oder einer eingebildeten Wirkung waren ist unwichtig. Hauptsache es hat geholfen.
Aus rein logischer Sicht ist diese Aussage nicht ganz korrekt. Wenn es sich um eine eingebildete Wirkung handelt, ist die Folge «es hat geholfen» letztlich nicht mehr, als eben diese eingebildete Wirkung.

Darüber hinaus ist eine solche Aussage einfach nur traurig. Es ist erschütternd, dass erwachsene, mündige, vernunftbegabte Menschen entscheiden, die Realität sei für sie nicht so wichtig - für sie, und für ihre Kinder.

9 Kommentare:

Stefan Koster hat gesagt…

Sehr gut geschrieben! Man sieht am kritisierten Artikel auch schön, wie die H. Anhänger lieber ihre vorgefasste Überzeugung rechtfertigen, als sich mal echt kritisch zu hinterfragen.

Travelbuddy4 hat gesagt…

Ich finde die Diskkussion wichtig und spannend aber die Gegenargumente haben keine Boden und der Schreibende kennt sich anscheinend mit den Hintergründen der Homöopathie nicht aus. Viel verzerrte Information, welche keinen Sinn macht,, weil sie leider aus dem Kontext gerissen ist. Schade. Wenn man Homöopathie einfach als Zauberei abtut, hat man sich nicht ernsthaft damit auseinandergesetzt, das ist ein sehr undifferenziertes Pauschalurteil und ich kenne aus eigener Erfahrung mit mir und meinem Kind mehrere Fälle, wo Homöopathie in höchst kritischen Situationen sofort geholfen hat. Aber sie muss von jemandem angeewandt werden, der sich auskennt. Wenn private aufgrund der Lektüre eines Büchleins selber experimentieren, so ist das meist zwar ungefährlich, aber sicher auch nicht in kritischen Situationen hilfreich. ist aber auch gefährlich, wenn sie sich selbst allopathisch medikamentieren.

Benny Mohr hat gesagt…

Ich kann nur immer wieder staunen, wie simpel so ein Weltbild sein kann. Auf der einen Seite die naiven Mamas, welche jeden Schwachsinn glauben, wenn es nur dem Kind hilft. Auf der anderen Seiten die rationalen Skeptiker, welche jedem Medikament die gewünschte Wirkung zuschreiben - schliesslich ist es ja wissenschaftlich bewiesen.

Fakt zur Homöopathie: Sie wird millionenfach verwendet - was erstaunlich ist für etwas, was nicht wirkt.

Fakt zur Schulmedizin: Da ist das ganz grosse Geld. Studien werden manipuliert, zurückgehalten etc. Siehe Tamiflu, um nur ein prominentes Beispiel zu nennen. Hier mehr dazu: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/wib/1767066/. Wo bleibt da die Skepsis?

Was mir an der Mama gefällt: Sie kennt ihre Möglichkeiten aber auch Grenzen. Wenn sie nicht weiterkommt, bleibt der Weg zur Schulmedizin offen.

Marko Kovic hat gesagt…

Auf der einen Seite die naiven Mamas, welche jeden Schwachsinn glauben, wenn es nur dem Kind hilft.Ich argumentiere oben, dass es dem Kind eben nicht hilft, sondern nur Placebo für die Mutter ist.

Auf der anderen Seiten die rationalen Skeptiker, welche jedem Medikament die gewünschte Wirkung zuschreiben - schliesslich ist es ja wissenschaftlich bewiesen.
Nein, Skeptiker schreiben nicht jedem Medikament die "gewünschte" Wirkung zu, sondern nur jene, welche theoretisch plausibel und empirisch gestützt ist.

Fakt zur Homöopathie: Sie wird millionenfach verwendet - was erstaunlich ist für etwas, was nicht wirkt.
Fakt zum Aderlass: Er wurde millionenfach verwendet - was erstaunlich ist für etwas, was nicht wirkt.
Dieses Argument ist ein Fehlschluss; Beliebtheit sagt nichts über die tatsächliche Wirkung aus.

Fakt zur Schulmedizin: Da ist das ganz grosse Geld.
Homöopathie ist auch ganz grosses Geld (die Herstellungskosten sind minimal). Nur, weil etwas nicht kostenlos ist, heisst das nicht, dass automatisch betrogen wird.
Vielleicht ein anderer Fakt zur Schulmedizin: Die Lebenserwartung bei Geburt liegt heute in der Schweiz bei über 80 Jahren, womit die Lebenserwartung seit 1900 um mehr als 30 Jahre zunahm (vgl. http://bit.ly/Mq2r8k). Einen gewichtigen Anteil an dieser Steigerung haben nachweisbar die Fortschritte der Schulmedizin geleistet.

Studien werden manipuliert, zurückgehalten etc.
Das ist in der Tat ein Problem, und die Situation um Tamiflu ist tatsächlich haaresträubend. Aber erneut begehen Sie einen Fehlschluss: Weil bestimmte Studien zu bestimmten Medikamenten nicht sauber sind, wirkt Homöopathie. Das ist ein non sequitur, weil die Wirkung der Homöopathie immer noch separat eben für Homöopathie zu demonstrieren ist.

Freundliche Grüsse

Me hat gesagt…

"Ich argumentiere oben, dass es dem Kind eben nicht hilft, sondern nur Placebo für die Mutter ist."
Das Placebo mag über die Mutter wirken aber es ist für das Kind und wirkt (auch) beim Kind.

David hat gesagt…

Es ist allgemein ein Problem bei den Skeptikern, dass man "fächerübergreifend" versucht zu argumentieren. Hat aber auch seine gute Seite, man nimmt die schlechten Informationen dadurch auch nicht ernst.

David hat gesagt…

"Die Lebenserwartung bei Geburt liegt heute in der Schweiz bei über 80
Jahren, womit die Lebenserwartung seit 1900 um mehr als 30 Jahre zunahm
(vgl. http://bit.ly/Mq2r8k). Einen gewichtigen Anteil an dieser Steigerung haben nachweisbar die Fortschritte der Schulmedizin geleistet."
GENAU DA LIEGT EIN GROSSER IRRTUM BEGRABEN. DAS IST ALLES ANDERE ALS BELEGT. IN DEN JAHREN HABEN SICH NEBEN DER MEDIZIN AUCH VIELE ANDERE DINGE, WIE Z.B. ERNÄHRUNG, WOHLSTAND ODER HYGIENE VERÄNDERT.
Gruss
David
"Schulmediziner"

Jakob Sperling hat gesagt…

Könnten Sie bitte mal eine dieser 'höchst kritischen Situationen' schildern.

Reto hat gesagt…

Dass Placebo wirkt steht fest, das hat nichts mit Zauberei zu tun. Auch wirkt Placebo besser wenn es von einer Autoritätsperson verschrieben wird ("jemand der sich auskennt"). Aber in höchst kritischen Situation sich auf etwas zu verlassen, dass nicht besser als Placebo wirkt, scheint mir fahrlässig, unabhängig davon ob der Placebo Effekt mit einem weissem Kittel verstärkt wird oder nicht.

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