16. Juni 2012

Sport und Pseudowissenschaft - ein Dream-Team?

Die Fussball-Europameisterschaft ist in vollem Gange, und trotz immer vorhandener und notwendiger Diskussionen rund um politische und finanzielle Umstände solcher sportlicher Grossanlässe ist ein athletischer Wettkampf auf höchstem Niveau immer eine spannende Sache.

Eine bestimmte Komponente ist dabei stets vorhanden: Wo Sport auf höchstem Niveau stattfindet, wo also Athletinnen und Athleten ihre Körper bis an die Grenzen des biologisch Machbaren zwingen, dort ist auch die Verlockung gross, durch den Einsatz unerlaubter oder gefährlicher Mittel diese Grenzen auszuweiten.

Wie Focus Online unlängst berichtete, wird zu diesem Zweck auch zu esoterischen Aufputschmitteln gegriffen:
Wenn sogar der deutsche Nationaltrainer Joachim Löw seinen Spielern Shambala-Armbänder verteilt, sind ein paar Überlegungen zu Esoterik und Pseudowissenschaft im Sport angebracht.

Einen Umstand möchte ich vorwegnehmen: Konkrete Daten zu der Verbreitung bestimmter esoterischer und/oder pseudowissenschaftlicher Mittel und Methoden in Profi- und Breitensport liegen mir keine vor; mit diesem Blogeintrag will ich also nicht alarmistisch behaupten, Sport sei von Pseudowissenschaft unterwandert.

Wo der Placebo Berge versetzt

Eine erste mögliche Erklärung für die Nutzung von Esoterik und Pseudowissenschaft in athletischem Umfeld sehe ich in der körperlichen Unmittelbarkeit von Sport gegeben.

Der Mensch ist darauf geeicht, aus anekdotischen Vorgängen kausale Muster zu erkennen, und diese fast automatisierte Suche nach Mustern hilft uns ganz gut durch den Alltag. Besonders durch die lebenslange Wiederholung von Vorgängen, die unseren eigenen Körper betreffen, werden wir alle zu Experten des Subjektiven: Wenn die Blase drückt, muss ich urinieren, dann drückt sie nicht mehr. Wenn das unangenehme Hungergefühl auftaucht, esse ich etwas, und das Gefühl ist vorläufig gebannt. Wenn das diffuse und doch so bekannte Gefühl der Müdigkeit mich überwältigt, bette ich mich zum Schlaf und bin nachher weniger müde. Wenn ich sexuelle Erregung verspüre, weiss ich, dass eine entweder alleine oder in Gemeinschaft stattfindende stimulative Entladung ein wohliges Empfinden verursacht.

Der menschliche Modus des Weltverstehens gründet in dieser teils unbewussten körperlichen Mustersuche und -anwendung, und es ist keine Überraschung, dass diese Mustersuche bei Sport, einer zutiefst körperlichen Handlung, wetergeht. Das ist nicht grundsätzlich schlimm - durch den Alltag manoevrieren wir uns auch einigermassen gut - , aber das Problem mit hyperaktiver Mustersuche ist, dass viele Falschpositive vorkommen: Wir sehen kausale Zusammenhänge, wo keine sind.

Im Bereich des Körperlichen sind solch falschpositive Muster für das Individuum oft harmlos. Der Placebo-Effekt eines Scheinmedikamentes z.B. betrifft die biologische Aktivität des Menschen nur wenig - ein Schnupfen heilt mit Placebo in zwei Wochen, ohne Placebo in 14 Tagen.

Bei der Interaktion des Individuums mit der Umwelt können falschpositive Muster und die dazugehörige Placebo-Komponente durchaus gewichtige Wirkungen entfalten. Ist eine Person z.B. überzeugt, dass eine schwarze Katze Unglück, ein vierblättriges Kleeblatt dagegen Glück bringt, wird in einer selbsterfüllenden Prophezeiung diese Effekte für sich selber verursachen - nicht zuletzt infolge der gesteigerten Wahrnehmung für «Glück» oder «Unglück», womit also die Interpretation der Umwelt anders erfolgt (Wenn man bewusst nach Dingen sucht, welche in die Kategorie «Unglück» passen, entsteht automatisch der Eindruck, das «Unglück» sei an diesem Tag besonders hoch, weil eine stark selektive Wahrnehmung vorliegt.).

Und hier sehe ich den Grund, warum Esoterik und Pseudowissenschaft im Sport eine durchaus grosse Rolle spielen können: Auch wenn durch falschpositive Muster verursachte selbsterfüllende Prophezeiungen bei Sportlerinnen und Sportlern nur minimale Auswirkungen haben, z.B. bei der individuellen Motiviertheit, können diese Auswirkungen genug gross sein, um tatsächlich wahrnehmbare Effekte zu verursachen. Durch solche Effekte dürften z.B. Fälle von «Trainingsweltmeistern» miterklärt sein, bei denen die subjektive Wahrnehmung und Interpretation des Umfeldes eine andere Leistung bewirkt.

Der Placeboeffekt im Sport, einer Domäne des Körperlichen, trägt bisweilen sehr eigentümliche Blüten. In den USA etwa ist im Profisport verbreitet, Gottheiten anzurufen (Bildquelle):
In solchen Fällen offensichtlichen Aberglaubens wird der Effekt des Placebo deutlich: Die Footballspieler im Bild meinen, durch göttlichen Beistand eine bessere Leistung zu erbringen. Aus theologischer Sicht ist das natürlich absurd (auch im Rahmen von Religion ist unklar, warum Gottheiten sich für Ballspiele interessieren sollten), aber der subjektive Eindruck dieser Intervention ist für die Betroffenen mitunter Grund genug, das Ritual beizubehalten.

Ein Aspekt, den ich an dieser Stelle nicht bespreche, sind mögliche gruppenpsychologische Wirkungen, bei denen sich die Wahrnehmung esoterisch-pseudowissenschaftlicher Verfahren in einer Art «confirmation bias» verzerrt. Ein solcher Mechanismus dürfte bei Sport, einer gleichermassen subjektiv-körperlichen wie sozialen Handlung, ebenfalls eine Rolle spielen.

Profisport: Wandelnde Werbeflächen

Ein weiterer Grund, warum Esoterik und Pseudowissenschaft auch im Sport präsent sind, dürfte im für Werbung lockenden visuellen Spektakel von Sport begründet liegen.

Athletinnen und Athleten stehen für Eigenschaften, welche uns alle (ob wir es eingestehen wollen oder nicht) ein Stück weit ansprechen: Jugendhaftigkeit, Ausdauer, Kraft, Kampfeswille, Fairness, Gesundheit, Disziplin. Somit stellt Sport einen einzigartigen Werbeträger dar, denn es gibt kaum Produkte, die nicht mit solchen Eigenschaften in Verbindung gebracht werden möchten.

Diese visuelle Kraft der Werbe-Assoziation, welche zeitgenössischen Profisport fast vollkommen durchdringt, machen sich auch esoterisch-pseudowissenschaftliche Produkte zu Nutze. Das vielleicht beste Beispiel: «Power Balance»-Armbänder:
Diese Gummi-Armbänder mit Hologramm-Bild stellen Behauptungen auf, die zum Besten gehören, was esoterisch-pseudowissenschaftliche Schwurbeilei zu bieten hat. Und doch springen Profi-Sportler auch in der Schweiz auf den Hologramm-Zug des Irrsinnigen auf, wie der Kassensturz letztes Jahr erwähnte:
Kassensturz vom 22.03.2011

Der Balancetest, den der Kassensturz in Anlehnung an die Power Balance-Marketing-Videos vornimmt, ist im Übrigen ein ganz alter Hut der pseudowissenschaftlichen «Kinesiologie», wie Richard Saunders von den Australian Skeptics demonstriert:


Power Balance ist also recht offensichtlich zu ein Produkt, welches nicht hält, was es versprich. Warum ist dem Gummiband in Sportlerkreisen dennoch grosser Erfolg beschert? Einerseits spielt wohl der oben beschriebene im Sport wichtige Placebo-Effekt eine Rolle, andererseits werden in den Werbeaktivitäten von Power Balance gezielt Sportlerinnen und Sportler als Werbeflächen genutzt:


Power Balance ist nur ein bestimmtes Produkt eines eigentümlichen pseudowissenschaftlichen Sportaccessoires: Leistungssteigernder Schmuck. Ein Klassiker, der auch in der Schweiz eine treue Anhängerschaft hat, sind «Phiten»-Bänder. Auch hier die an sich immer gleichen Behauptungen zu gesteigertem Gleichgewicht und besseren Schwingungen, und auch hier eine Liste gesponserter Sportlerinnen und Sportler bzw. Sportverbände:

Fazit: Allzu Menschliches

Esoterik und Pseudowissenschaft im Sport ist ein Thema, welchem bisher aus skeptischer Sicht nicht viel Bedeutung beigemessen wird. Das hängt vermutlich auch mit der insgesamt geringen gesellschaftspolitischen Relevanz von Sport zusammmen: Für die meisten Leute ist Sport entweder eine Freizeitbeschäftigung oder abendliche Fernsehunterhaltung, also kein «hartes» Problemfeld wie Wirtschaft oder Politik.

Diese Haltung ist nachvollziehbar, aber gefährlich. Auch jene, die über die auf das Körperliche fixierte Aktivität Sport nur die Nase rümpfen, müssen anerkennen, dass Sport eine grosse symbolische Bedeutung hat. Trotz dessen starker Kommerzialisierung steht der sportliche Wettkampf nach wie vor für auch für Fairness, Durchhaltevermögen, Disziplin; für Eigenschaften also, welche für viele Menschen erstrebenswerte Tugenden darstellen. Aus diesem Grund ist es wichtig, Sportlerinnen und Sportler als Symbolträgerinnen und -träger dieser Tugenden kritisch unter die Lupe zu nehmen: Wer gesellschaftliche Vorbildfunktionen ausübt, sollte dies in vernunftgeleitetem Rahmen machen.

9 Kommentare:

Louis Gottschall hat gesagt…

Da kann man aufklären so viel man will, der Aberglaube vieler Menschen sitzt tief. Wenn man bedenkt, das sich mit solchen idiotischen Produkten viel Geld verdienen lässt, wird auch in Zukunft versucht den dummen Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

David hat gesagt…

Das hat sehr wenig mit Aberglauben im herkömmlichen Sinn zu tun. Vielmehr wissen gute Trainer und Coaches um den Wert von Symbolik, Ritualen und Rhythmen in Zusammenhang mit der Sportpsychologie. Das hat absolut nichts mit irgendwelchen Glaubensangelegenheiten zu tun. Hier wird nur mit dem Symbolcharakter gespielt. Hierüber gibt es ausreichend Literatur aus Sportwissenschaft und Sportpsychologie. Und das mit der Vorbildfunktion ist auch so eine Sache. Wer darum Wind macht, der macht daraus erst eine Sache, die von Interesse ist. Da sollte man sich also selber an der Nase fassen. Kaum jemand hat das wahrgenommen oder wird es wahrnehmen. Ich betrachte also diese Abhandlung vielmehr als den krampfhaften Versuch, ein Gesprächsthema zu finden. Als gäbe es nicht genügend Dinge, die tatsächlich zu diskutieren wären!

David hat gesagt…

 Vor einigen Jahren waren es noch die Freundschaftsarmbänder, welche die Handgelenke der Sportler schmückten. Und es brach auch ein Hype unter den jugendlichen Fans aus. Wäre da nun die Konsequenz, die Abschaffung von Freundschaft?
Man kann auch aus einer Mücke einen Elefanten machen :-D

Marko Kovic hat gesagt…

Freundschaftsarmbänder haben eine rein symbolische Bedeutung, welche auf die Förderung zwischenmenschlicher Sympathie ausgelegt ist.

Die Produkte und Praktiken, um welche es in obigem Text geht, behaupten dagegen spezifische empirische Wirkungen jenseits des Subjektiv-Symbolischen. In solchen Fällen ist es nicht übertrieben, zu fragen, ob diese Wirkungen tatsächlich vorhanden sind.

David hat gesagt…

Das ist schon richtig. Nur, sich da den Sport als Diskussionsplattform zu Nutze zu machen zielt am Sinn vorbei. Für die Sportler haben solche Dinge einen ganz anderen Hintergrund. Wie bereits in den Kommentaren beschrieben.

David hat gesagt…

Aber sind wir mal ehrlich. Dann müssten die Skeptiker das erst einmal aus einer kritischen Warte erforschen. Wer eine Behauptung für oder gegen eine Wirkung aufstellt, ist in der Bringschuld. Leider wird aber oft verurteilt, ohne selber tatsächlich etwas für die Beweiserbringung getan zu haben. Das ist entweder als Trittbrettfahren oder als Populismus zu bezeichnen. Aber vielleicht erleben wir ja noch die Zeit der forschenden Skeptiker ;-)

Marko Kovic hat gesagt…

In der Bringschuld ist jene Person, die eine Hypothese aufstellt. Wer Energie-Armbänder verkauft, muss entsprechend demonstrieren, dass die postulierte Wirkung vorhanden ist.
Das Prinzip des Falsifikationismus, also das Widerlegen der Hypothese, beginnt erst, wenn für die Hypothese eine vorläufige Beweisführung vorliegt. Solange eine Hypothese ohne Beweise vorliegt, gibt es auch nichts zu widerlegen, also handkehrum auch entsprechend keinen Grund, die Hypothese als vorläufig wahr anzusehen.

Ihre Lesart von "Populismus" und "Trittbrettfahren" verstehe ich nicht. Dann ist also auch das Konsultieren vorhanderen Literatur und Forschung zu einem Thema "Trittbrettfahren", weil man nicht selber direkt an der Herstellung dieser Informationen beteiligt war? Und es ist "Trittbrettfahren", wenn man darauf hinweist, dass für bestimmte Behauptungen keine Beweise vorliegen?

David hat gesagt…

Sie beantworten die Fragen schon selber. Natürlich ist es ein Trittbrettfahren, da es der Wissenschaft klar ist, dass diese Dinge wie im Bericht erwähnt nicht im Sinne der Darstellung wirken können. Da bringen Sie doch alles andere als Neues! Aber Sie machen daraus ein Thema auf, tun so, als wäre da Aufklärungsarbeit von Nöten. Ist es nicht! Also muss man den Versuch als populistisch bezeichnen. Sie wollen dem Bürger das Gefühl vermitteln, als würden Sie sich in einem "unerforschten Land" bewegen. Das Zeugs ist ein Geschäft, genauso wie Pannini-Bilder, Nutella, Milchschnitte und vieles mehr! Was soll also der Zirkus? Nur wenn Menschen auch Dinge kaufen, die nicht unbedingt nötig sind, werden genügend Steuern erhoben, um Ihr Studium, die Forschung u.s.w. zu finanzieren. Und lassen Sie den Sportlern ihren "Aberglauben", die wissen schon, was sie für ihren Erfolg brauchen.

David hat gesagt…

Zitat: "Wirklich Sorgen würde ich mir machen, wenn Jogi Löw und sein Team nicht mehr aufs Spielfeld gingen, ohne vorher einen Wahrsager zu befragen ..."
Och, so schlimm wäre das auch nicht. Ich fand das mit dem Orakel zur WM ganz amüsant. Man ist ja nicht verpflichtet, alles immer nur "bitter ernst" zu nehmen.

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