23. Juni 2012

Tödliche Vogelgrippeviren und explosive Studien

Tagesanzeiger-Online berichtet heute über die umstrittene Veröffentlichung zweier Studien zu einem im Labor hergestellten Strang des Vogelgrippe-Virus:
Der Autor des Artikels, Didier Trono, ist Professor an der ETH Lausanne und selber Virus-Experte. Trono bemängelt, dass die im Labor hergestellten Vogelgrippe-Mutationen ein unverhältnismässiges Risiko darstellen. Hat Trono Recht, oder übt sich der Tagesanzeiger in Alarmismus?

Die Virus-Mutationen

Der Stein des Anstosses sind Forschungsarbeiten zweier Gruppen: Eine davon am Erasmus Medical Centre Rotterdam unter Leitung von Ron Fouchier, und die andere an der Universität Wisconsin-Madison unter Leitung von Yoshihiro Kawaoka.

Die zwei Forschungsteams haben das H5N1-Virus, das sogenannte Vogelgrippe-Virus, unter Laborbedingungen mutiert, und zwar derart, dass eine Übertragung des Virus von Säugetier zu Säugetier über die Luft stattfinden kann. Dies sorgte für einige vor allem massenmediale Empörung, weil befürchtet wurde, dass diese neuen «Killerviren» unfreiwillig freigesetzt werden könnten, oder, dass die Forschungsergebnisse eine regelrechte Anleitung für Bioterrorismus seien.

Wie die NZZ gestern berichtete, sind die hergestellten Virusmutationen zwar hochansteckend, aber nicht tödlich. Fouchier selber hat dabei eine eigentümliche Kommunikationspolitik verfolgt:
Auf die Frage, warum er das Missverständnis nicht aus der Welt geschafft habe, antwortete Fouchier nun: Wegen der laufenden Begutachtung seiner Arbeit sei es ihm nicht erlaubt gewesen, öffentlich über Details zu reden. Erst im Februar habe er die Gelegenheit dazu bekommen und wahrgenommen. Davor liess er die Medien im Glauben, es handle sich bei dem mutierten Virus um einen tödlichen Erreger.
Ein Stück weit ist Fouchier also sicher selber schuld für den Medienhype um die mutierten Viren. Wie steht es aber um die Kritik des Tagesanzeiger-Artikels, wo im Wesentlichen behauptet wird, die Herstellung dieser Viren habe letztlich nur Risiko und keinen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn geliefert?

NewScientist beschreibt unaufgeregt, welchen Nutzen die Ergebnisse dieser Forschung liefern:
The main benefit was that it alerts us to some of the warning signs that might suggest one of the vast number of H5N1 viruses circulating in birds could become a pandemic. Now that both studies have been published, it is clear why they felt this would be a good idea.

Each lab did different things to H5N1 to make it transmissible. All but one of the five mutations that did the trick were different. Yet all did remarkably similar things to the virus. "Now we know what changes in the behaviour of the virus can make it transmissible, we can watch for any mutations with those effects – not just our particular ones," says Fouchier.

For one thing, you need to change the HA surface protein so it binds a cell-surface sugar in mammals' noses, instead of the one it binds in birds. You also need a mutation in the RNA-replicating polymerase enzyme that adapts it to mammals' cooler bodies.

In both studies, further exposure of these viruses to ferrets, the best experimental mammal, induced further changes. Both viruses got rid of a sugar on the tip of HA. And both turned up a further, novel mutation. Kawaoka's stabilises the virus while attacking the cell. Fouchier's is at a spot in the HA protein where, he thinks, it may have similar effects.
Die H5N1-Mutationen haben also aufgezeigt, was für Eigenschaften das Vogelgrippe-Virus hat, wenn es für Säugetiere übertragbar ist. Ohne das nötige Fachwissen ist mir eine genaue Beurteilung nicht möglich, aber die Kritik der Tagesanzeiger-Artikels scheint somit ein Stück weit der Wind aus den Segeln genommen: Die umstrittenen Forschungsarbeiten sollen helfen, Mutationen des H5N1-Virus zu erkennen, welche für den Menschen aufgrund der Übertragbarkeit zwischen Säugetieren gefährlich sind.
Es mag stimmen, dass es keine weltweite Überwachung aller Vogelgrippe-Viren gibt, aber es ist immerhin plausibel, dass in Fällen, bei denen sich Menschen mit dem Virus anstecken, nun besser geprüft werden kann, ob die betroffene Mutation des Virus von Mensch zu Mensch übertragbar ist.

Der NewScientist-Artikel geht auch auf die Frage ein, ob die im Labor hergestellten Mutationen prinzipiell auch ausserhalb des Labors mutieren können:
Can this happen in nature? In a companion paper, Derek Smith and Colin Russell at the University of Cambridge, and colleagues, say all these mutations are already seen in bird flu – although two of the three sugar-binding mutations were in H2 or H3 viruses, not H5N1.

The polymerase adaptation, meanwhile, occurs in nearly 30 per cent of H5N1 sequenced so far. The sugar loss occurs in more than half of sequences. Both stabilising mutations have been seen in Chinese H5N1.

Russell's team calculate that in many sequenced viruses containing some of the required mutations, only three to four single nucleotides in the viral DNA must mutate to get the rest they need to go airborne.

We don't know how fast the mutations accumulate. Using a mathematical model, however, Russell's team found that a virus that needs only three more mutations could well emerge within the five-day course of a single mammalian infection.
Auch hier ist ohne fundierte Fachkenntnisse eine genaue Abschätzung schwierig. Dass aber, wie der Tagesanzeiger schreibt, eine Mutation analog zu jener im Labor niemals eintreten könne, scheint eine gewagte Aussage.

Die umstrittene Forschung scheint, alles in allem, Ergebnisse geliefert zu haben, welche das Wissen um und die Bekämpfung von über Säugetier zu Säugetier per Luft übertragbare Vogelgrippe-Viren ein Stück weit vorangebracht zu haben. Doch wie steht es um die Risiko-Nutzen-Rechnung? Sind die Gefahren dieser Forschung derart gross, dass sie das Attribut «unverantwortlich» verdient?

Kann Wissen gefährlich sein?

Wie in obigem Abschnitt erwähnt, dreht sich die Kritik des Tagesanzeigers wie allgemein der mediale Hype um die ursprünglich zurückgehaltenen Studien vor allem um die angeblichen Gefahren dieser Forschung: Was da hergestellt wurde, könne zu unlauteren Zwecken missbraucht werden.

Dies ist eine grundsätzliche Problematik, und das Schreckgespenst des Bioterrorismus ist ein gutes Veranschaulichungsbeispiel.
Seit 9/11 ist «Terrorismus» eine nicht wegzudenkende mediale und politische Rahmung, welche bisweilen auch strategisch eingesetzt wird: Der Rekurs auf Terrorismus, ein diffuses Konzept, welches für das Böse schlechthin steht, erweckt Aufmerksamkeit - wer nämlich ständig vor der Gefahr des Terror warnt, schafft eben genau Terror, d.h. Schrecken.
Das soll nicht bedeuten, dass Terrorismus, egal durch welche weltanschaulichen oder finanziellen Motive angetrieben, keine reale Gefahr ist. Wenn sich demokratische Gesellschaften aber in vorbeugender Manier in Selbstzensur üben, um kein Wissen herzustellen, welches zu unerwünschten, in diesem Fall terroristischen, Zwecken genutzt werden kann, ist perverserveise genau passiert, was verhindert werden sollte: Der Terrorismus hat sein Endziel erreicht.

Das Erweitern menschlichen Wissens ist kein Prozess, der losgelöst von der sozialen Realität operiert. Entsprechend ist auch nicht Fortschritt um jeden Preis legitim, und hat Ethik Vorrang vor Wissensmaximierung. So wäre z.B. medizinischer Fortschritt wohl schneller, wenn Menschen uneingeschränkt in Laboren gezüchtet und als Nutztiere verwendet würden, doch ist der vernunftorientierte Konsens, dass solche Forschung ethisch nicht haltbar ist (Dieselben Diskussionen sind natürlich grundsätzlich für den Nutzen und die ethischen Bedenken der Tierforschung angebracht, nicht nur für die Spezies Mensch).

Ein Kriterium aber, welches das menschliche Streben nach Wissen nicht beeinflussen darf, ist Angst.

Fazit

Die grundlegende Kritik des Tagesanzeiger-Artikels an den umstrittenen Studien zu den mutierten Vogelgrippe-Viren scheint insgesamt in einem solchen Masse nicht gerechtfertigt. Weder sind die Ergebnisse nutzlos, noch ist das Risiko unverhältnismässig hoch.

Es ist nachvollziehbar, dass das narrative Muster der halbverrückten und realitätsfernen Wissenschaftler, die «Gott spielen», ein für die Medien verlockendes ist. Vielleicht steckt aber auch mehr dahinter, nämlich eine um sich greifende Wissenschaftsfeindlichkeit: Wer Forschung betreibt, steht immer mehr unter Generalverdacht, zu einer sich gegen die Mehrheit der Menschen verschwörenden Gruppe zu gehören, welche prinzipiell nur schadet und den natürlichen, guten Fluss der Dinge stört.

Wer Derartiges empfindet, darf nicht vergessen: Nature sucks. Auch wenn Risiken bestehen und oft unerwünschte Fehler passieren, ist das Ziel der Wissenschaft, ist das Ziel einer kritischen Welterkundung, unser aller Dasein ein bisschen weniger unangenehm zu machen.

1 Kommentare:

schulthess-klinik hat gesagt…

Nice Videos.

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