29. Juli 2012

Die vergifteten afghanischen Mädchen: Gräueltat der Taliban oder Massenhysterie?

In den letzten Monaten machten Meldungen über eine Anschlagserie auf Schulmädchen die Runde, z.B. in 20minuten, auf News.ch oder auf Tagesanzeiger-Online:
In ihrer Brutalität avancierten diese Anschläge schnell zum Sinnbild der islamistischen Bosheit: Die Gewaltideologie der Taliban gründet in der Unterdrückung der Frau, und die Unterdrückung der Frau beginnt mit dem Verbot einer jeden Bildung. Diese hinterlistigen Vergiftungsanschläge rufen denn auch in Erinnerung, dass die jahrelange westliche Okkupation Afghanistans scheinbar keinerlei Fortschritt gebracht hat, die gebündelte militärische Macht der USA und der restlichen NATO-Mitglieder kein Mittel gegen die in Höhlen Afghanistans und Pakistans hausenden totalitären Turbanträger fand.

Der Fall scheint soweit klar: Die Vergiftungen sind ein trauriges Zeugnis der Rückständigkeit und Gewaltbereitschaft der Taliban. Am 13. Juli veröffentlichte die NZZ aber einen Artikel zu den Vergiftungen, der diese Lesart in Frage stellt:
Kann es sein, dass diese wiederholten Vergiftungen nicht nur nicht von den Taliban verübt wurden, sondern, dass gar keine Vergiftungen stattfanden?

14. Juli 2012

Die Sache mit der Vorhaut

Die männliche Vorhaut ist gegenwärtig in aller Munde (metaphorisch): Ende Juni hat das Kölner Landgericht geurteilt, dass medizinisch nicht notwendige Beschneidung, motiviert aus religiösen Gründen, Körperverletzung ist:

Es überrascht nicht, dass dieses Urteil teils heftig kritisiert wird. Einerseits von betroffenen religiösen Gruppen, allen voran muslimischen und jüdischen Religionsgemeinschaften, andererseits aber auch von nicht in erster Linie religiös motivierten Kritikerinnen und Kritikern, die in diesem Urteil eine Reihe von Problemen sehen: Es werde gegen Religionsfreiheit verstossen, BeschneidungsgegnerInnen seien bisweilen rassistisch motiviert und leideten unter psychischen Problemen, und Beschneidung als ein hilfreiches Mittel, um die Ansteckung mit verschiedenen Krankheiten, darunter AIDS, zu senken, sei eigentlich zu begrüssen. Wie ist das Gezerre um die Vorhaut zu bewerten?

Beschneidung und AIDS

Zunächst möchte ich der Frage nachgehen, ob männliche Beschneidung direkte gesundheitliche Vorteile bringt. Ich gehe dabei nicht auf alle potentiell relevanten Krankheiten ein, sondern nur auf AIDS. Dies, weil sogar die Weltgesundheitsorganisation WHO Beschneidung als Mittel der HIV-Bekämpfung empfiehlt:
Es existieren einige Studien, welche einen negativen Zusammenhang zwischen Beschneidung und HIV-Ansteckung beobachten. Die WHO-Empfehlung beruht aber vor allem auf drei Studien jüngeren Datums, welche in einem randomisierten Experiment die Auswirkung von Beschneidung untersucht haben:
Alle drei Studien funktionieren nach demselben, einleuchtenden Prinzip: Eine grosse Anzahl Männer wird randomisiert in zwei Gruppen geteilt (es handelt sich nur um Randomisierung, nicht aber um eine Doppelblindung, was aufgrund der Art der Intervention einleuchtet). Die eine Gruppe wird beschnitten, die andere nicht (bzw., erst nach dem Ende der experimentellen Beobachtungsperiode), und es wird gemessen, in welcher Gruppe die HIV-Ansteckungsrate höher ist. Zwei Aspekte sind bei diesen Studien problematisch: Die Untersuchungsethik und die Interpretation der Ergebnisse.

7. Juli 2012

Eine Typologie der Negativkommentare zum Higgs-Boson

Am Mittwoch, dem 4. Juli, gab das CERN bekannt, dass durch Messungen ein neues Teilchen entdeckt wurde, welches die Eigenschaften des Higgs-Boson erfüllt. Somit liegt ein Ergebnis von grosser Bedeutung vor, hilft doch das Higgs-Boson, zu erklären, warum Partikel überhaupt Masse erhalten.

Um dieser enormen Leistung und wohl bahnbrechenden Entdeckung gerecht zu werden, genügen meine Physikkenntnisse bei weitem nicht aus. Stattdessen möchte ich an dieser Stelle einen kleinen Ausflug in die Reaktionen zu der Entdeckung des CERN unternehmen.

Für die Online-Ausgaben der NZZ, des Tagesanzeigers, des Blick und von 20minuten habe ich die Leserkommentare des jeweils ersten Artikels, welcher die Entdeckung des CERN dokumentiert (bzw. des ersten Artikels, bei welchem die Kommentarfunktion freigeschaltet war), durchgelesen. Ich wollte in Erfahrung bringen, welche Dinge an den Higgs-Boson-Ergebnissen wie kritisiert werden. Aus den negativen Kommentaren lassen sich, wie ich unten aufzuzeigen versuche, 7 Gruppen unterscheiden.

Antiwissenschaft

Eine erste Gruppe der Kommentatoren bezeichne ich als «Antiwissenschaft»:
Die Gruppe der «Antiwissenschaft» zeichnet sich dadurch aus, dass die Kompetenz der CERN-Forscherinnen und -Forscher in Abrede gestellt wird, aber auch der Wissenschaft grundsätzlich. Wissenschaft gilt als Unterfangen, welches wider die Natur ist und darum falsch sein muss. Das Motiv der Hybris spielt hier eine zentrale Rolle: Wissenschaft vergisst, was die Stellung des Menschen im Kosmos ist und stört mit ihren Eingriffen die natürliche Ordnung, was letztlich den Untergang der Menschheit bedeutet.

Kein Nutzen und zu teuer

Die «Kein Nutzen und zu teuer»-Gruppe ist auch verhältnismässig prominent vertreten; hier einige Beispiele:
Die «Kein Nutzen und zu teuer»-Gruppe stellt anders als die «Antiwissenschaft»-Gruppe nicht die Güte der Forschungsergebnisse oder Wissenschaft im allgemeinen in Frage, sondern versucht sich an einer Rechnung von Aufwand und Ertrag. Das Hauptnarrativ ist, dass das in CERN investierte Geld keinen entsprechenden Nutzen bringt, und die gegenwärtigen Ergebnisse des CERN an und für sich gar nicht wichtig sind. Dabei werden Kosten und Nutzen nicht im Rahmen wissenschaftlicher Grundlagenforschung kritisiert, sondern in einem alltagsökonomischen Verständnis, wo Geld einen Tausch für konkrete Güter und Dienstleistungen bedeutet.

Hunger

Eine weitere Gruppe der kritisch Kommentierenden nenne ich «Hunger»:
Die «Hunger»-Gruppe ähnelt in ihrem Argumentarium der «Kein Nutzen und zu teuer»-Gruppe, wobei weniger der Eigennutz und mehr ein altruistisches Motiv hervorgehoben wird: Es ist verwerflich, Geld in Teilchenforschung zu investieren, während anderswo noch Menschen an Hunger oder sonstwie leiden. Auch diese Überlegung postuliert implizit ein alltagsökonomisches Modell, bei welchem das in CERN investierte Geld dort fehlt, wo Menschen hungern müssen.

Religion

Auch anzutreffen sind Kommentare, welche auf Religion und Gottheiten rekurrieren:
Es ist schwer abzuschätzen, ob diese Gruppe eigenmotiviert ist, oder erst durch den Begriff des «Gottesteilchens», welcher sich ausserhalb der Forschergemeinde für das Higgs-Boson eingenistet hat, mobilisiert wird. Die Gruppe «Religion» ist verwandt mit jener der «Antiwissenschaft»: In beiden Fällen wird die CERN-Forschung als Affront angesehen. Mit einiger Süffisanz wird bei «Religion» dabei festgehalten, dass diese Form der Forschung nur zu entdecken versucht, was Gläubige schon lange wissen.

Verschwörung

Obwohl in den Kommentaren nicht sehr dominant, ist auch eine Gruppe «Verschwörung» ansatzweise auszumachen:
Dieser Ansatz einer CERN-Verschwörungstheorie behauptet, die Ergebnisse seien gefälscht, und letztlich gehe es nur um Geld. Die Idee, dass Forscherinnen und Forscher Ergebnisse fälschen, um weitere Forschungsgelder zu erhalten, ist ein wichtiges Element antiwissenschaftlicher Verschwörungstheorien. Damit wird das Leugnen der Ergebnisse legitimiert: Wenn z.B. die Datenlage zeigt, dass der Mensch den Klimawandel mitverursacht, werden die Ergebnisse geleugnet, weil im Voraus klar ist, dass die Wissenschaft dahinter korrupt ist. Dieser Mechanismus der Korrumpiertheit als Prämisse ist ein wichtiges Mittel zur Tilgung kognitiver Dissonanzen, was miterklärt, warum sich Verfechterinnen und Verfechter von Verschwörungstheorien durch Fakten oft nicht von ihrem Glauben nicht abbringen lassen.

Zurück zur Natur

Eine weitere Gruppe, welche sich andeutet, nenne ich «Zurück zur Natur»:
Die Gruppe «Zurück zur Natur» hängt eng mit den Gruppen «Kein Nutzen und zu teuer» und «Hunger» zusammen: Wir investieren Ressourcen in das CERN, obwohl es Wichtigeres gäbe. «Zurück zur Natur» bringt im Unterschied zu diesen zwei Gruppen nicht konkrete eigennützige oder altruistische Kritik an, sondern ruft zu einer nostalgischen, aber nicht unbedingt rückwärts gerichteten Neuordnung unserer Prioritäten. Das Streben nach abstrakter Erkenntnis hilft nicht, die «conditio humana», die Ängste und Zweifel des Menschseins zu lindern.

Besserwissenschaftler

Eine letzte Gruppe der Kommentierenden nenne ich ihn Anlehnung an den Begriff «Besserwisser» «Besserwissenschaftler»:
Die Gruppe der «Besserwissenschaftler» - in den Kommentaren, welche ich angeschaut habe, nur eine kleine Minderheit - lehnt die Ergebnisse des CERN als faktisch oder wertend falsch ab. Dabei soll der Eindruck entstehen, diese Beurteilung stamme aus einem qualifizierten wissenschaftlichen Blickwinkel. Ein wichtiges Element bei «Besserwissenschaftlern» dürfte der Verweis auf die Ergebnisse anderer wissenschaftlicher Forschung sein, welche nach genauerer Prüfung verworfen werden mussten. Es wird aber nicht der Inhalt der vorliegenden Forschungsergebnisse aufgrund ähnlicher Fehler anderer Ergebnisse kritisiert, sondern nur eine oberflächliche Analogie zu der medialen Rezeption der vorherigen Forschung gemacht.

Fazit

Dieser Blick in die Negativkommentare zu der Higgs-Boson-Forschung am CERN ist sicherlich nicht sehr aussagekräftig und verallgemeinbar, deutet aber immerhin an, welche Formen wissenschaftskritischer Haltungen in der heutigen Online-Population vorhanden sind. Den roten Faden bildet, was ich Wissenschaftsverdrossenheit nenne: Wissenschaft wird pauschal abgelehnt, verlacht, geleugnet, diskreditiert, und das eigene Empfinden und ad hoc-Erklärungen sind prinzipiell aussagekräftiger als wissenschaftliche Forschung. Da alle Kommentare von den betroffenen Webseiten kontrolliert und gefiltert werden, ist anzunehmen, dass die obige Typologie nicht erschöpfend ist und die abstrusesten Kommentare gelöscht wurden.

Allzu grosser Pessimismus ist trotzdem nicht angebracht, denn die Mehrheit der Online-Kommentare hat die Ergebnisse am CERN als das gefeiert, was sie sind: Ein Monument des menschlichen Forschergeistes, welches eindrücklich demonstriert, zu welchen Leistungen Menschen in der Lage sind, so sie sich in Vernunft vereinen.

1. Juli 2012

Neues Altes zur Homöopathie

Gegenwärtig überschlagen sich die Ereignisse zu Homöopathie: Ein Buch mit dem Prädikat «Made in Switzerland» sorgt für Furore, eine Gesetzesänderung im Vereinigten Königreich bedeutet vielleicht das dortige vorläufige Ende der Homöopathie, und die nicht immer ganz lauteren Methoden der Homöopathie-Lobby werden publik. Aber der Reihe nach.

Der «Swiss homeopathy report»

Im Februar 2012 erschien die englischsprachige und erweiterte Fassung einer Untersuchung, welche im Auftrag des Bundes erstellt wurde, und zwar im Zusammenhang mit der Aufnahme bestimmter alternativmedizinischer Heilmethoden in die obligatorische Krankenkasse: «Homeopathy in Healthcare – Effectiveness, Appropriateness, Safety, Costs».
Die Untersuchungen dieses Buches sind ein Teil des 2005 abgeschlossenen «Programms Evaluation Komplementärmedizin (PEK)». Bereits die Buchbeschreibung deutet an, um was für einen Inhalt es sich handelt:
The present report, in contrast, offers a differentiated evaluation of the practice of homoeopathy in health care. It confirms homoeopathy as a valuable addition to the conventional medical landscape – a status it has been holding for a long time in practical health care.
Zusätzlich noch eine kleine Leseprobe, die eigentlich zu Genüge demonstriert, was für «Forschung» hier vorliegt (S.12; das ganze Buch lade ich aus urheberrechtlichen Gründen nicht rauf):
Das «Leben als Ganzes» ist zu beachten. Man muss auch «spirituelle Wissenschaft» berücksichtigen. Und überhaupt, Quantentheorie und Chaostheorie. Noch Fragen?

Es ist allzu offensichtlich, dass dieses Buch nicht demonstriert, dass Homöopathie wirkt, sondern eher, wie kreativ Homöopathie-Gläubige bei der Rechtfertigung ihres Glaubens sein können. Abschliessend noch ein paar weiterführende Links, wo genauer besprochen wird, was die Probleme des Buches sind:

Die britische Gesetzesverschärfung

Quackometer berichtete von einer Gesetzesänderung im Vereinigte Königreich:
Genau genommen tritt keine Gesetzänderung in Kraft, sondern eine Konsolidierung bestehender Gesetze in einen Gesetzestext. Dabei wird das bestehende Gesetz konsequenter angewendet und der Verkauf unauthorisierter homöopathischer Mittel z.B. über das Internet und Telefon unterbunden.

Offenbar machen solche Vertriebsquellen für Homöopathinnen und Homöopathen im Vereinigten Königreich eine grosse Einnahmequelle aus; so sehr, dass ohne diese Einnahmequelle von einem «Ende» der Homöopathie gesprochen wird. In der Schweiz dürfte die Situation diesbezüglich anders sein: Das Gros der Globuli hierzulande ist wahrscheinlich ganz legal in Umlauf, auch, weil diese eine «vereinfachte Zulassung» geniessen. Das bedeutet u.a., dass Globuli auch dann in den Verkauf kommen dürfen, wenn sie explizit behaupten, die Globuli hätten keine Indikation, also keinen Wirkungsbereich:
Dieses eigentümliche Verfahren ergibt sich aus den Glaubenssätzen der Homöopathie, wo zwar postuliert wird, das Gleiches Gleiches heile, aber dann auch wieder, dass nicht im Voraus klärbar sei, welches Mittel für welches Gebrechen zu nutzen sei.

In den Niederlanden wird die Schraube des Gesetzes angezogen: Seit heute müssen Homöopathie-Hersteller beweisen, dass ihre Globuli wirken, wenn sie weiterhin von der Mehrwertsteuer befreit sein wollen:


«Die schmutzigen Methoden der sanften Medizin»

So der Titel eines sehr lesenswerten Artikels auf Sueddeutsche.de:
Der Artikel beschreibt, wie bestimmte «alternativmedizinische» und esoterische Firmen und Gruppierungen ein Netz von Journalisten finanzieren, welche über Online-Kanäle Kritikerinnen und Kritiker zu diskreditieren versucht.

Grundsätzlich ist natürlich nichts verkehrt dabei, wenn Personen Kritik an skeptischer Berichterstattung anbringen. Hier liegt aber ein relativ klarer Fall von halbversteckter Auftrags-PR vor, die wenig mit richtiger Kritik und mehr mit Verzerrung, persönlichen Angriffen, und aggressivem Produktmarketing zu tun hat. Das bedeutet nicht, dass alle Esoterik-Verfechterinnen und Verfechter unlauter vorgehen, aber offenbar ein Teil der Esoterik-Industrie schon.

Fazit: Homöopathie bleibt Humbug

Es passiert viel und ändert sich wenig: Die theoretischen Argumente und empirische Datenlage zu Homöopathie bleiben dieselben. Die zwei Grundpostulate der Homöopathie
  1. Gleiches heilt Gleiches.
  2. Bei Verdünnung wirkt ein Mittel stärker.
stimmen nach wie vor nicht. Die Fehlschlüsse der Homöopathieverfechterinnen und -verfechter bleiben Fehlschlüsse: Ja, Homöopathie ist beliebt, aber Beliebtheit sagt nichts über Wirksamkeit aus. Nein, der Plural von «Anekdote» ist nicht «Daten». Nein, Homöopathie wird nicht durch Quantenphysik bestätigt. Ja, auch in der Pharmaindustrie läuft nicht alles ideal ab, aber das beweist noch nicht die Wirksamkeit der Homöopathie.

Zur abschliessenden Illustration ein von der BBC durchgeführter Homöopathie-Test:






Die Zeit scheint langsam reif, einen vorläufigen Schlussstrich* zu ziehen: Homöopathie wirkt über den Placeboeffekt hinaus nicht.

*Ergebnisoffenheit ist dabei natürlich immer noch oberste Prämisse: Neue Argumente und Daten sind immer willkommen. Es gilt aber: Aussergewöhnliche Behauptungen bedürfen aussergewöhnlicher Beweise.