14. Juli 2012

Die Sache mit der Vorhaut

Die männliche Vorhaut ist gegenwärtig in aller Munde (metaphorisch): Ende Juni hat das Kölner Landgericht geurteilt, dass medizinisch nicht notwendige Beschneidung, motiviert aus religiösen Gründen, Körperverletzung ist:

Es überrascht nicht, dass dieses Urteil teils heftig kritisiert wird. Einerseits von betroffenen religiösen Gruppen, allen voran muslimischen und jüdischen Religionsgemeinschaften, andererseits aber auch von nicht in erster Linie religiös motivierten Kritikerinnen und Kritikern, die in diesem Urteil eine Reihe von Problemen sehen: Es werde gegen Religionsfreiheit verstossen, BeschneidungsgegnerInnen seien bisweilen rassistisch motiviert und leideten unter psychischen Problemen, und Beschneidung als ein hilfreiches Mittel, um die Ansteckung mit verschiedenen Krankheiten, darunter AIDS, zu senken, sei eigentlich zu begrüssen. Wie ist das Gezerre um die Vorhaut zu bewerten?

Beschneidung und AIDS

Zunächst möchte ich der Frage nachgehen, ob männliche Beschneidung direkte gesundheitliche Vorteile bringt. Ich gehe dabei nicht auf alle potentiell relevanten Krankheiten ein, sondern nur auf AIDS. Dies, weil sogar die Weltgesundheitsorganisation WHO Beschneidung als Mittel der HIV-Bekämpfung empfiehlt:
Es existieren einige Studien, welche einen negativen Zusammenhang zwischen Beschneidung und HIV-Ansteckung beobachten. Die WHO-Empfehlung beruht aber vor allem auf drei Studien jüngeren Datums, welche in einem randomisierten Experiment die Auswirkung von Beschneidung untersucht haben:
Alle drei Studien funktionieren nach demselben, einleuchtenden Prinzip: Eine grosse Anzahl Männer wird randomisiert in zwei Gruppen geteilt (es handelt sich nur um Randomisierung, nicht aber um eine Doppelblindung, was aufgrund der Art der Intervention einleuchtet). Die eine Gruppe wird beschnitten, die andere nicht (bzw., erst nach dem Ende der experimentellen Beobachtungsperiode), und es wird gemessen, in welcher Gruppe die HIV-Ansteckungsrate höher ist. Zwei Aspekte sind bei diesen Studien problematisch: Die Untersuchungsethik und die Interpretation der Ergebnisse.

Forschungsethik: Beschneiden für die Wissenschaft?
Die Studien weisen eine jeweils beträchtliche Anzahl Probanden auf: Total 3274 Männer für die Südafrika-Studie (die erste in der oberen Liste), 2784 Männer für die Kenya-Studie und 4996 Männer für die Uganda-Studie. Diese Zahlen sind beachtlich, aber gleichzeitig bedenklich: Bei den Kenya- und Uganda-Studien wurden praktisch alle Männer beschnitten (nach 24 Monaten); bei der Südafrika-Studie ist unklar, wie viele Beschneidungen auch bei der Kontrollgruppe vorgenommen wurden (es ist lediglich vermerkt, dass der Kontrollgruppe eine Beschneidung nach 21 Monaten, dem Ende der Beobachtungsperiode für das Experiment, angeboten wurde).

Ethische Überlegungen wissenschaftlicher Forschung sind oft von einer Gratwanderung zwischen Erkenntnisgewinn und rationaler Akzeptabilität des Vorgehens gezeichnet. Jedes noch so harmlose Experiment stellt einen Versuch dar, also eine Manipulation der betroffenen Menschen (oder auch anderer Tiere), gerade weil unbekannt ist, welche Folgen genau zu erwarten sind. So gesehen ist jede experimentelle Anordnung, welche Lebewesen betrifft, eine ethische Rechtfertigung schuldig. Ob in den Fällen dieser Beschneidungs-Studien eine solche das Vorgehen legitimierende Rechtfertigung vorliegt, ist unklar.
Wenn an potentiell knapp 10'000 Männern chirurgische Eingriffe vorgenommen werden und dadurch irreparable Folgen entstehen, ist es äusserst problematisch, diese Eingriffe mit dem alleinigen Hinweis zu rechtfertigen, es werde eine Hypothese geprüft. Die Durchführung solcher Studien wäre z.B. in Europa oder Nordamerika absolut undenkbar.

Ein möglicher Einwand ist, dass die Probanden nicht gezwungen wurden, an den Versuchen teilzunehmen, sondern explizit schriftlich ihr Einverständnis abgeben mussten. Das tilgt die ethische Problematik natürlich nicht (auch wenn alle Bürgerinnen und Bürger in einem Staat beschliessen, einen absoluten Machthaber einzuführen, macht das die Diktakur nicht legitim). Darüber hinaus sind die konkreten Methoden, mit welchen die Probanden rekrutiert wurden, heikel.

In der Südafrika-Studie erhielten die Probanden knappe und suggestive Informationen zum Experiment:
Des Weiteren erhielten die Probanden 300 Rand (ca. CHF 35) als Kompensation - ein kleiner Betrag, aber nebst der suggerierten Schutzwirkung des Eingriffes ein zusätzlicher Anreiz.

Für die Kenya-Studie erhielten Probanden Spesenentschädigungen in der Höhe von ca. $4 für jede (Nach-)Untersuchung, sowie Coupons für das Rekrutieren weiterer Probanden (S.644)
Wie suggestiv die Rekrutierungsmaterialien waren, ist unklar, da sie nicht angegeben werden.

Für die Uganda-Studie ist unklar, wie die Probanden angeworben wurden. Auffällig und fragwürdig ist, dass auch 15-Jährige Kinder in die Studie aufgenommen wurden (S.660):
Diese forschungsethischen Einwände mögen als Fehschluss meinerseits daherkommen: Bevor ich überhaupt die Ergebnisse bespreche, kritisiere ich das Design der Studien. Die ethische Problematik wirft aber direkte empirische Fragen auf: Wenn im Voraus für jede der Studien definiert wird, dass Tausende von Männern am Schluss beschnitten werden, ist unklar, wie es mit der Ergebnisoffenheit steht. Für alle Studien wird explizit erklärt, die Idee sei von Anfang an gewesen, die Kontrollgruppe nicht unbeschnitten zu lassen, sondern sie erst später zu beschneiden. Dieser Impetus hinter den Studien ist nicht nachvollziehbar. Es hätte sich prinzipiell z.B. zeigen können, dass Beschneidungen zu drastisch mehr HIV-Infektionen führen. Warum dann im Voraus die pauschale Beschneidung aller Probanden festlegen?

Weniger HIV-Infektionen - aber warum?
Die Ergebnisse aller drei Studien deuten in dieselbe Richtung: Die Testgruppe der beschnittenen Männer weist eine geringere Wahrscheinlichkeit auf, sich mit HIV zu infizieren. Bei der Südafrika-Studie beträgt die Reduktion der Infektionswahrscheinlichkeit 61% (S.1118):
Die Kenya-Studie zeigt eine Reduktion der Ansteckungswahrscheinlichkeit um 53% (S.651):
Die Uganda-Studie kommt ebenfalls zum Schluss, dass die Beschneidung das Infektionsrisiko senkt, und zwar um 51% (S.661):
Die Ergebnisse scheinen also relativ eindeutig: Beschneidung senkt das Risiko der HIV-Ansteckung. Der vermutete Mechanismus dahinter ist grundsätzlich auch plausibel, wie z.B. bei der Kenya-Studie erklärt wird (S.643):
Auch eine kurze Überprüfung der Ergebnisse mittels Chi-Quadrat-Tests zeigt, dass die absoluten Werte signifikante Unterschiede zwischen den zwei Gruppen zeigen. Dennoch leiden die Studien an diversen Mängel. Ein wesentlicher ist, dass das Studiendesign keine Blindungen zulässt und die Interventionsgruppen darum effektiv deutlich andere direkte und indirekte Erfahrungen machten. So hatte etwa die beschnittene Gruppe einen «Startvorteil», da eine Beschneidung und die damit verbundene Wundheilung einen deutlichen sexualpräventiven Effekt haben.

Dieses und weitere Probleme der Experimente bespricht folgende Studie (PDF):
Es werden zahlreiche Aspekte der drei Beschneidungs-Studien angeprangert (S.317):
Wie ist nun der wissenschaftliche Stand zur Frage, ob Beschneidungen helfen, HIV-Infektionen zu senken? Die besten vorhandenen Studien demonstrieren diesen Effekt - aber ebendiese Studien sind von gravierenden ethischen und methodischen Problemen geplagt. Auf Grundlage solch dünnen und nicht überzeugenden Forschungsstandes eine breitflächige Beschneidungspraxis zu empfehlen, wie dies die WHO macht, scheint nicht angebracht.

Aber ist das vermeintliche AIDS-Argument bei religiöser Beschneidung überhaupt relevant? Verteidigt jemand Beschneidung mit dem Hinweis auf den angeblichen Schutz vor HIV? In aktuellem Zusammenhang macht dies z.B. Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Isrealitischen Gemeindebundes («reformierte presse» vom 6. Juli 2012):
Auch auf dem Mamablog (ab und zu auf diesem Blog thematisiert) auf Tagesanzeiger-Online wird dieses unreflektierte Argument wiedergekäut:


Beschneidung, Religionsfreiheit und niedere Beweggründe

Ein zweiter wichtiger Aspekt bei der gegenwärtigen Diskussion um das Kölner Beschneidungsverbot betrifft Religionsfreiheit. Das Dilemma ist durchaus nachvollziehbar: Einerseits die Freiheit des Menschen, über den eigenen Körper zu verfügen, andererseits die Freiheit von Eltern, ihre Kinder so zu erziehen, wie sie es für richtig halten.

So beschreibt denn auch die NZZ, im Selbstverständnis ein liberales Blatt, das Urteil als «Angriff auf die religiöse Erziehung» - das ist das Urteil nämlich in der Tat (wobei das wertende Wort «Angriff» auch mit «Begrenzung», «Einschränkung» o.ä. ersetzbar ist).

Was genau ist überhaupt Religionsfreiheit? Intuitiv verstehen die meisten Menschen darunter, dass man frei wählen darf, welcher Religion man angehören will oder auch nicht. Die Schweizer Bundesverfassung codifiziert Religionsfreiheit in Artikel 15 unter «Glaubens- und Gewissensfreiheit»:
1 Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist gewährleistet.
2 Jede Person hat das Recht, ihre Religion und ihre weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen und allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu bekennen.
3 Jede Person hat das Recht, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzugehören und religiösem Unterricht zu folgen.
4 Niemand darf gezwungen werden, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzugehören, eine religiöse Handlung vorzunehmen oder religiösem Unterricht zu folgen.
Die Verfassung interessiert in der Schweiz zwar die wenigsten (ausser, es geht darum, sie wieder Mal zu ändern), aber Artikel 15 deutet an, was es mit Religionsfreiheit auf sich hat: Es handelt sich um ein Recht des Individuums. Das ist zentral, weil die Verfechter des religiösen bzw. allgemein kulturellen Beschneidungsrituals genau diesen Umstand nicht anerkennen.

Wenn eine Religionsgemeinschaft behauptet, dass ein Beschneidungsverbot die Religionsfreiheit tangiere, gründet dieses Argument in einem obsoleten  Freiheitsdenken. Der Fehler liegt darin, die konstitutiven Einheiten einer freien Gesellschaftsordnung in Gruppen und nicht Individuen anzusehen. Wer also der Ansicht ist, dass nach wie vor das Prinzip des «Oikos» gilt, in dem das Oberhaupt des Haushaltes über die restlichen untergeordneten Mitglieder verfügen darf, ist einem traditionellen, also rückständigen segmentären Stammes- bzw. Clan-Denken verhaftet.

Wie weit die Religionsfreiheit im Sinne der Freiheit von Religion in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern gehen soll, ist diskutabel - schliesslich ist eine religiöse Erziehung von Geburt ja faktisch nichts anderes, als eine Verletzung der individuellen Religionsfreiheit der betroffenen Kinder. Dass die religiös motivierten Erziehungsrechte der Eltern aber nicht soweit gehen dürfen, an den Kindern Blutopfer zu erbringen, ist eigentlich recht offensichtlich. Würde eine erst in jüngerer Vergangenheit gegründete Religionsgemeinschaft wie z.B. Scientology beschliessen, allen Neugeborenen den kleinen Zeh am linken Fuss zu amputieren - ein Eingriff, der die spätere Lebensqualität kaum beeinflusst - , wäre der Aufschrei gross.

Medizinisch nicht notwendige und risikobehaftete Eingriffe an fremden Körpern vorzunehmen, nur weil eine angebliche Gottheit dies angeblich wünscht, ist mit demokratischen Gesellschaften, denen individuelle Freiheitsrechte zugrunde liegen, nicht kompatibel.

Alles nur gespielt?
Im Zusammenhang mit dem Kölner Beschneidungsurteil griff ein Teil der Kritik an diesem Urteil die angeblichen wahren Motivationen der Beschneidungsgegner auf. An und für sich ist derartige Kritik irrelevant, weil eine wie auch immer geartete subjektive Motivation nichts an den oben dargestellten Problemen ändert. Es ist aber trotzdem interessant, auch dieser Form der Kritik ein wenig auf den Grund zu gehen.

Ein erster, erwartbarer Vorwurf ist jener des Antisemitismus:
Der Vorwurf des Antisemitismus (Islamfeindlichkeit scheint weniger ein Thema) ist natürlich insofern falsch, als Beschneidungskritik jede nicht-medizinisch begründete Kindsbeschneidung betrifft, nicht nur die jüdische. Aber es ist andererseits natürlich korrekt, dass ein Beschneidungsverbot bestimmte religiöse Praktiken, z.B. jene des Judentums, stark einschränkt - und oben habe ich zu argumentieren versucht, warum das auch korrekt so ist. Erwachsene Menschen dürfen mit dem eigenen Körper machen, was sie wollen, aber nicht mit den Körpern anderer.

Nebst solchen Vorwürfen latenten Rassismus machen mittlerweile auch kreativere Erklärungsergüsse die Runde. So zum Beispiel die Idee einer «Kastrationsangst» aufseiten der Beschneidungsgegnerschaft:
Dieser Kastrations-Kauderwelsch scheint sich zur beliebten «Ich-stehe-über-den-Dingen»-Erklärung der Essay-Intelligenzija zu mausern:
Bleibt nur zu hoffen, dass es keine Frauen gibt, die Bubenbeschneidung kritisieren, weil dann das Mass an pop-psychoanalytischer Gehirnakrobatik ohne Netz und doppelten Boden gefährlich wird.

Fazit: Viele Vorhaut-Fehlschlüsse

Die angeblichen gesundheitlichen Vorteile einer männlichen Beschneidung sind bei genauerer Betrachtung für das Beispiel der HIV-Übertragung, einer oftbenutzten Rechtfertigung der Kindsbeschneidung, kaum vorhanden. Aber auch wenn dem so wäre: Die Beschädigung des männlichen Sexualorgans als Präventivmassnahme für die relative Risikoreduktion, welche durch Aufklärung und Safer Sex um ein Vielfaches besser ausfällt, ist wahnwitzig.

Das Pochen auf Beschneidung als Religionsfreiheit missversteht Religionsfreiheit: Religiöse Gruppen sind nicht frei, am Leib anderer zu tun, wie ihnen beliebt. Was mündige Individuen mit dem eigenen Körper anstellen, entscheiden sie selber nach Belieben; nicht aber, was mit dem Körper anderer geschehen soll.

Wer nicht nachvollziehen kann, warum die Beschneidung von Säuglingen und Kindern falsch ist, muss nur gedanklich das Geschlecht der Beschnittenen wechseln: Der Grund, warum männliche Kindsbeschneidung abzulehnen ist, ist derselbe wie bei weiblicher Kindsbeschneidung.

In der gegenwärtigen Diskussion um männliche Beschneidung fällt niemandem ein, weibliche Genitalverstümmelung als medizinisch sinnvoll oder kulturell wertvoll zu verteidigen. Bevor der reflexartige Äpfel≠Birnen-Vorwurf kommt: Die WHO definiert weibliche Genitalverstümmelung sowohl als Eingriffe mit deutlich schwerwiegenderen, als auch mit geringfügigeren Konsequenzen als das Entfernen männlicher Vorhaut.
Es handelt sich hierbei nicht um einen Geschlechterwettbewerb, wo es darauf ankommt, wer am meisten leidet, sondern um die nicht haltbare Praxis der Genitalverstümmelung von Säuglingen und Kindern - egal, ob Mädchen oder Junge.

7 Kommentare:

Stefan Wehmeier hat gesagt…

Beschneidung von Untertanen in Cargo-Kulten





Schwache Gemüter schalten den Ton aus; "starke"
Politiker, die auf eine rasche Legalisierung drängen,...



http://www.welt.de/politik/deutschland/article108288113/Politiker-wollen-dass-Beschneidung-straffrei-bleibt.html



...sollten den Ton anlassen:



http://video.google.com/videoplay?docid=8212662920114237112




Seine Jünger sagten zu ihm: "Nützt die Beschneidung oder nicht?" Er
sagte zu ihnen: "Wenn sie nützlich wäre, würde ihr Vater sie aus ihrer
Mutter beschnitten zeugen. Aber die wahre Beschneidung im Geiste hat vollen
Nutzen gefunden."






(Nag
Hammadi Library / Thomas-Evangelium / Logion 53)




Solange das Wissen noch nicht zur Verfügung stand, um das Geld an den
Menschen anzupassen, musste der Kulturmensch durch eine künstliche
Programmierung des kollektiv Unbewussten (geistige Beschneidung von Untertanen)
an ein darum bis heute fehlerhaftes Geld angepasst werden. Das war (und ist
noch) der einzige Zweck der Religion, die vom Wahnsinn mit Methode zum Wahnsinn
ohne Methode (Cargo-Kult um die Heilige Schrift) mutierte und uns – unabhängig
von "Glaube" (Cargo-Kult) oder "Unglaube" (Ignoranz) – alle
zu Untertanen machte, die ihr eigenes Programm nicht kennen. Die Bewusstwerdung
der Programmierung nennt sich "Auferstehung":




http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

Michael hat gesagt…

Bitte "WTO" durch "WHO" ersetzen.

Ich empfinde die Empfehlung der WHO als skandalös. Selbst wenn eine Reduzierung der Ansteckungswahrscheinlichkeit um 50% nicht nur durch das Studiendesign begründet werden sollte und auch in der Realität zu finden sein sollte, dann wäre das für mich immer noch kein Grund, eine Beschneidung zu empfehlen. Bei einer immer noch unheilbaren und mit einer hohen Wahrscheinlichkeit tödlichen Infektion sollte nichts empfohlen werden, was die Ansteckung nicht nahezu zu 100% verhindern kann, auch und gerade in Afrika mit seiner hohen Prävalenz und den begrenzten Therapiemöglichkeiten nach einer Ansteckung. Die WHO sollte Kondome empfehlen, und sonst nichts.

Aber wie du schon richtig bemerkt hast, ist das AIDS-Argument sowieso ein vorgeschobenes.

Marko Kovic hat gesagt…

"Bitte "WTO" durch "WHO" ersetzen."

Gemacht - merci für den Hinweis!

Stefan Wehmeier hat gesagt…

Beschneidung von Untertanen in Cargo-Kulten





Schwache Gemüter schalten den Ton aus; "starke"
Politiker, die auf eine rasche Legalisierung drängen,...



http://www.welt.de/politik/deutschland/article108288113/Politiker-wollen-dass-Beschneidung-straffrei-bleibt.html



...sollten den Ton anlassen:



http://video.google.com/videoplay?docid=8212662920114237112




Seine Jünger sagten zu ihm: "Nützt die Beschneidung oder nicht?" Er
sagte zu ihnen: "Wenn sie nützlich wäre, würde ihr Vater sie aus ihrer
Mutter beschnitten zeugen. Aber die wahre Beschneidung im Geiste hat vollen
Nutzen gefunden."






(Nag
Hammadi Library / Thomas-Evangelium / Logion 53)




Solange das Wissen noch nicht zur Verfügung stand, um das Geld an den
Menschen anzupassen, musste der Kulturmensch durch eine künstliche
Programmierung des kollektiv Unbewussten (geistige Beschneidung von Untertanen)
an ein darum bis heute fehlerhaftes Geld angepasst werden. Das war (und ist
noch) der einzige Zweck der Religion, die vom Wahnsinn mit Methode zum Wahnsinn
ohne Methode (Cargo-Kult um die Heilige Schrift) mutierte und uns – unabhängig
von "Glaube" (Cargo-Kult) oder "Unglaube" (Ignoranz) – alle
zu Untertanen machte, die ihr eigenes Programm nicht kennen. Die Bewusstwerdung
der Programmierung nennt sich "Auferstehung":




http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

Basil hat gesagt…

Schöner Post! Die Kritik an den Studien muss allerdings insofern kritisiert werden, als sie die Kritikpunkte nicht einer (geschätzten) quantitativen Analyse unterzieht im Bezug auf Resultat-Verfälschungen. Angenommen, die Studien hätten gezeigt, dass das Risiko um 99.9% verringert wird, würde das Design auch in Frage gestellt? Nein. Somit reicht für eine Praxis-relevante Diskussion nicht aus, ein paar Probleme aufzuzeigen, um die Resultate zu verwerfen. Es kommt eben auf die konkreten Zahlen an.




Es scheint mir absolut einleuchtend, dass ein beschnittener Penis andere Eigenschaften hat was die Übertragung von Krankheiten angeht. Auch wenn die Studien einige Mängel aufweisen, kann ich mir nicht vorstellen, dass das Resultat in seiner Signifikanz derart verfälscht wurde, dass die Kernaussage nicht zu halten ist. Vielleicht sind es nicht 50%, aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sind es 20 oder 30%.




Meiner Meinung nach sind daher folgende Fragen viel wichtiger:




- Was sind die Auswirkungen eines derart schwachen Schutzes? Wie würde sich die Ausbreitung in Afrika verändern bei einer grossangelegten Beschneidungsaktion aller Männer? Wie sehen im Vergleich dazu die Risiken aus, insbesondere bei schlechten hygienischen Verhältnissen? Und natürlich der ethische Knackpunkt: wie steht der erzielte Nutzen zur verminderten Lebensqualität?




- Was bedeuten die Erkenntnisse überhaupt für Deutschland und die Schweiz, wo ja die Diskussion stattfindet? Zum Beispiel könnte der "Schutz" bei uns auch gegenteilige Wirkung haben aufgrund falscher Sicherheit. Bei einem Schutz im niederen zweistelligen Prozentbereich muss einer nur ein paar Mal mehr aufs Kondom verzichten oder weiter machen, wenn er keins dabei hat, weil er ja schliesslich beschnitten ist. Der Vorteil ist dann längst ausgehebelt. Gerade in weniger gebildeten Schichten kann ein % auch als * interpretiert und kolportiert werden.




Es stellt sich also die Frage, wo der Break-Even ist zwischen Gewinn an Sicherheit und Verlust durch Nachlässigkeit/verändertem Verhalten. Bedarf es dazu 95%, können noch viele Studien in Afrika durchgeführt werden ohne Relevanz für unseren Kulturraum. Sollten 20-50% ausreichen, ist das medizinische Argument nicht so einfach von der Hand zu weisen (was aber noch lange nicht heisst, dass der Nutzen gross genug ist, um es zu machen).

Marko Kovic hat gesagt…

"Angenommen, die Studien hätten gezeigt, dass das Risiko um 99.9% verringert wird, würde das Design auch in Frage gestellt? Nein."

Warum nicht? Natürlich würde ich die Studien auf die gleiche Art kritisieren. Ich verstehe dieses Argument nicht ganz. Die ethischen und methodischen Probleme der Studie bestehen unabhängig von den Resultaten.
Die Grundannahme hinter der Schutzfunktion der Beschneidung ist nicht unplausibel ist, und ich erwähne das oben ja explizit. Aber die drei Studien sind von vielen Unklarheiten und Problemen geplagt - genau darum geht es, und nicht, wie die Ergebnisse ausfallen.

Dass eine Effektivitäts-Rechnung überhaupt nicht gemacht werden darf, sage ich nirgends. Und es gibt Formen der Körperverletzung, welche auch aus Gründen der kollektiven Wohlfahrt akzeptiert werden, z.B. Impfungen. Dann muss aber auch die Bereitschaft da sein, die Problematiken differenziert zu diskutieren. Etwa leuchtet aus dieser Perspektive, wie oben erwähnt, nicht ein, dass Frauenbeschneidung absolutes Tabu ist. Auch werden andere potentielle Eingriffe mit unbestritten hoher Wirksamkeit, z.B. präventive Magen-Bypässe bei Kindern als Mittel gegen Fettleibigkeit, nicht im Entferntesten in Erwägung gezogen. Offensichtlich ist die Frage der Ethik doch eben auch zentral.

Was der auf wackeligen empirischen Beinen stehende HIV-Schutz von Beschneidungen aus ethischer Sicht nicht ist: Eine Rechtfertigung, Säuglinge und Kinder zu beschneiden. Wenn sich erwachsene Männer oder Frauen entscheiden, am eigenen Körper Eingriffe vorzunehmen, hat niemand etwas dagegen.

"Auch wenn die Studien einige Mängel aufweisen, kann ich mir nicht
vorstellen, dass das Resultat in seiner Signifikanz derart verfälscht
wurde, dass die Kernaussage nicht zu halten ist."
Das geht schneller, als man denkt - es ist z.B. nicht zu vergessen, dass die Anzahl der Nicht-Infizierten im 4-stelligen, jene der Infizierten lediglich im 2-stelligen Bereich liegt; schon kleine Verzerrungsquellen - von denen die obigen Studien einige aufweisen, welche relativ deutlich zugunsten der postulierten Hypothese verzerren - können die statistische auswertung enorm beeinflussen. Darum sind die konkreten Ergebnisse in der Wissenschaft immer der banalste Teil der Forschung; der Prozess, durch welchen die Ergebnisse zustande kommen, interessiert.

Gruss

eso-policier hat gesagt…

Die verächtlichen Beschneidungen müssen unbedingt verboten werden. Wenn die Nato die Kriege in Vorderasien und Afrika verloren hat, erlebt die Nato einen ähnlichen Zusammenbruch, wie die ehemalige UdSSR. Nicht-grüne Ökos und Patrioten setzen sich durch. Mehr dazu unter
www.esopolice.wordpress.com

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