29. Juli 2012

Die vergifteten afghanischen Mädchen: Gräueltat der Taliban oder Massenhysterie?

In den letzten Monaten machten Meldungen über eine Anschlagserie auf Schulmädchen die Runde, z.B. in 20minuten, auf News.ch oder auf Tagesanzeiger-Online:
In ihrer Brutalität avancierten diese Anschläge schnell zum Sinnbild der islamistischen Bosheit: Die Gewaltideologie der Taliban gründet in der Unterdrückung der Frau, und die Unterdrückung der Frau beginnt mit dem Verbot einer jeden Bildung. Diese hinterlistigen Vergiftungsanschläge rufen denn auch in Erinnerung, dass die jahrelange westliche Okkupation Afghanistans scheinbar keinerlei Fortschritt gebracht hat, die gebündelte militärische Macht der USA und der restlichen NATO-Mitglieder kein Mittel gegen die in Höhlen Afghanistans und Pakistans hausenden totalitären Turbanträger fand.

Der Fall scheint soweit klar: Die Vergiftungen sind ein trauriges Zeugnis der Rückständigkeit und Gewaltbereitschaft der Taliban. Am 13. Juli veröffentlichte die NZZ aber einen Artikel zu den Vergiftungen, der diese Lesart in Frage stellt:
Kann es sein, dass diese wiederholten Vergiftungen nicht nur nicht von den Taliban verübt wurden, sondern, dass gar keine Vergiftungen stattfanden?

Phantomstudien der WHO

Der NZZ-Artikel nennt mehrere Gründe, warum die Annahme, die Taliban hätten die Schulmädchen vergiftet, nicht gestütz wird. So behauptete ein Sprecher der Taliban (offenbar haben auch die Taliban PR-Beauftragte), die Vergiftung unschuldiger Kinder widerspreche islamischem Gesetz, und die Taliban würden Mitglieder, welche derartige Taten verüben, bestrafen. Eine solche Stellungnahme ist für sich genommen noch nicht sehr aussagekräftig, da auf den Taliban-Ehrencodex wohl nur bedingt Verlass ist.

Interessanter ist der Umstand, dass seit 2008 andauernde Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation WHO keine Giftstoffe oder auch nur direkt durch Giftstoffe verursachte Gebrechen fanden. Die von der NZZ paraphrasierten Studien der WHO liegen mir nicht vor, und die Arbeit der WHO ist sicherlich nicht über alle Zweifel erhaben. Gehen wir aber davon aus, dass die WHO nicht unmittelbar mit den Taliban kooperiert und Ergebnisse fälscht, und weiter, dass die NZZ die WHO nicht falsch zitiert, gäbe es also keine Beweise, dass, erstens, die afghanischen Schulmädchen Vergiftungen erlitten, und, dass, zweitens, die Taliban für diese Vergiftungen verantwortlich zeichnen. Da an anderen Orten, z.B. in diesem Artikel, die WHO in gleicher Art zitiert wird, scheint an der Geschichte etwas dran zu sein. Warum die WHO die Untersuchungsergebnisse nicht öffentlich zugänglich macht, ist aber unklar. Auch wenn die WHO nicht mit den Taliban geschäftet, was anzunehmen ist, kann die Intransparenz betreffend der angeblichen Schulmädchen-Vergiftungen einem politischen Kuhhandel geschuldet sein.

Wie der NZZ-Artikel festhält, wurde im Juni die Festnahme von 15 Verdächtigen in der Provinz Takhar, welche einen angeblichen Giftanschlag in einer Mädchenschule der Stadt Taloqan durchführten, bekanntgegeben. Von den verdächtigten Personen haben zwei 17-jährige Schülerinnen gestanden, je 1000 US-Dollar von den Taliban erhalten zu haben, um den Brunnen der Schule zu vergiften. Wie der NZZ-Artikel weiter beschreibt, wäre es aber keine Überraschung, wenn dieses Geständnis unter Folter zustandegekommen wäre, weil die afghanischen Behörden damit ein Propagandamittel im Kampf gegen die Taliban erhielten.

Die undruchsichtige politische Situation rund um die angeblichen Vergiftungsserien in Afghanistan vermag ich beileibe nicht zu entwirren. Stichhaltige Beweise für Massenvergiftungen afghanischer Schulmädchen scheinen aber zu fehlen, womit sich die Frage nach den Tätern erübrigt.

Massenhysterie als «mass psychogenic/sociogenic illness»

Wenn nun keine Beweise für Massenvergiftungen vorliegen, ist die Frage, was tatsächlich geschah, umso spannender. Der NZZ-Artikel spricht von Fällen der Massenhysterie:
Das tatsächliche Unwohlsein eines einzigen Individuums kann bei einer Massenhysterie das eingebildete Erkranken einer ganzen Gruppe bewirken. Im Fall der ersten betroffenen Schule in Taloqan litt das erste Mädchen, das in Ohnmacht fiel, denn bezeichnenderweise auch an Epilepsie.
Massenhysterie ist ein Phänomen, welches nicht gleichzusetzen ist etwa mit Massenpanik: Bei Massenpanik handelt es sich um eine unkontrollierte Massenreaktion, welche durch individuelle Fluchtreaktionen auf Angst zustande kommt. Massenhysterie dagegen bezeichnet nicht eine affektartige Reaktion einer Gruppe von Menschen auf ein Ereignis, sondern den in einer Gruppe verbreiteten Glauben, dass ein Gebrechen die Runde macht. Diesen Unterschied zwischen Massenhysterie und Massenpanik hebe ich hervor, weil ich selber diese zwei Phänomene bisher synonym verwendete, was nicht ganz korrekt ist und dem Begriff der Massenhysterie einen leicht abschätzigen Einschlag verleiht.

Das Konzept der Massenhysterie wird wohl auch dieser begrifflichen Konnotationen wegen umschrieben als «mass sociogenic illness» bzw. «mass psychogenic illness». Die zwei Begriffsvarianten mit «sociogenic» und «psychogenic» beschreiben die Natur des Phänomens: Es handelt sich um eine psychische Störung, welche in sozialer Interaktion auftritt (welcher der zwei Begriffe benutzt wird, scheint in der Präferenz der jeweiligen Autorin bzw. Autors zu liegen; beide Begriffe sind gebräuchlich).

«Mass sociogenic illnesses» («MSI») sind dabei nicht bloss Symptome lebhafter Fantasie oder eben panikartige Reaktionen, sondern psychische Störungen mit teilweise daraus resultierenden subjektiv empfundenen physischen Beschwerden. In der Studie «Protean nature of mass sociogenic illness» definieren die Autoren MSI denn auch als:
Mass sociogenic illness refers to the rapid spread of illness signs and symptoms affecting members of a cohesive group, originating from a nervous system disturbance involving excitation, loss or alteration of function, whereby physical complaints that are exhibited unconsciously have no corresponding organic aetiology. In the standard psychiatric nomenclature, mass sociogenic illness is subsumed under the general heading of ‘ somatoform disorder’, subcategorised as ‘conversion disorder’ or ‘hysterical neurosis, conversion type’ (American Psychiatric Association, 1994). 
Eine ähnliche Definition enthält die Studie «Mass sociogenic illness initially reported as carbon monoxide poisoning»:
Sociogenic illness is a rare but well-described phenomenon. It involves a constellation of physical signs and symptoms without an organic cause in a group of individuals with a common ‘‘exposure’’ (1–8). It often occurs in the setting of large gatherings such as schools or when large numbers of people are living or working in close proximity. We present a report of suspected mass sociogenic illness (MSI) initially attributed to possible carbon monoxide poisoning in school children attending a church service.
MSI scheint ein verhältnismässig weit verbreitetes, aber noch nicht systematisch untersuchtes Phänomen zu sein. Dokumentierte Einzelfälle von MSI gibt es zahlreiche:
  • In der Studie «Protean nature of mass sociogenic illness» liefern die Autoren einen kurzen Überblick zu MSI-Fällen vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Im Mittelalter etwa gab es zahlreiche Fälle von «Motor-Hysterie» unter Nonnen-Orden: Geprägt von einem asketischen und von der Aussenwelt isolierten Alltag, boten sie einen Nährboden für MSI. Das Symptom der Motor-Hysterie bedeutet einen Kontrollverlust einzelner Glieder oder des ganzen Körpers, was den Aberglauben an dämonische Possessionen befeuerte. Ab dem 18. Jahrhundert sehen die Autoren die Industrialisierung als eine der Ursachen für die Zunhame von MSI: Monotone Arbeiten in neu entstehenden Fabriken schaffen Bedingungen, unter denen motorische MSI gedeihen kann. Im 20. Jahrhundert, so die Autoren, dominieren in Umweltängsten gründende MSI-Episoden: Sorgen um schlechte Nahrung, Wasser, Luft resultierten zunehmend in MSI-Ausbrüchen. Insbesondere die latente Angst vor chemischer Kriegsführung führt dazu, dass (eingebildete) unbekannte Düfte als Gifte u.ä. wahrgenommen werden. Für das 21. Jahrhundert schliesslich sehen die Autoren Terrorismus als neue MSI-Quelle, welche sich z.B. in Episoden eingebildeter chemischer Anschläge, etwa mit Anthrax, zeigt.
  • In der Studie «Mass sociogenic illness initially reported as carbon monoxide poisoning» wird ein MSI-Fall aus den USA beschrieben, der fälschlicherweise als Kohlenstoffmonoxid-Vergiftung diagnostiziert wurde. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Anzahl der von den Symptomen betroffenen Personen im Zuge der Eskalation des Vorfalls stieg: Das Eintreffen von Rettungswagen schien bei einigen Personen die MSI-Symptome zu verursachen. Dieser Effekt deutet auf den sozialen Ursprung von MSI als einer Reaktion auf die (u.U. unbewusst) wahrgenommene Verbreitung und Wichtigkeit eines Massengebrechens.
  • In «An Outbreak of Itching in an Elementary School—A Case of Mass Psychogenic Response» wird ein MSI-Fall in typischem Setting beschrieben: Unter Stress stehende Schulkinder. Dieser MSI-Ausbruch aus den USA deutet erneut auf den Faktor der subjektiv wahrgenommenen Wichtigkeit der vermeintlichen Krankheit. Die Strategie, mit welcher dieser MSI-Fall gemeistert wurde, beinhaltete nämlich Anweisungen an Medien und an die Eltern der betroffenen Kinder, die angebliche Krankheit nicht mehr zu thematisieren, was zu einem Abklingen der Symptome (Juckreiz) zu führen schien.
  • In der Studie «The Role of the Media and Media Hypes in the Aftermath of Disasters» beschreiben die Autoren die Wichtigkeit der Massenmedien bei MSI. Für Fälle in den USA, Belgien und Japan beschreiben sie eine Wechselwirkung zwischen der Anzahl der MSI-Betroffenen und der medialen Berichterstattung über den MSI-Ausbruch. Mediale Berichterstattung zu den MSI-Fällen kann eine Ausweitung des MSI-Ausbruchs zur Folge haben; ohne, dass den betroffenen Medien notwendigerweise übertriebener Alarmismus oder Negativismus vorzuwerfen wäre.
Die obige kleine Auswahl der Studien zum Thema MSI ist natürlich alles andere als erschöpfend, aber sie zeigt doch, dass MSI ein relevantes Phänomen ist, welches zudem gewichtige Folgeschäden anrichten kann; sei es durch die abergläubische Interpretation von MSI als dämonische Bessessenheit oder Hexerei; sei es durch das Ziehen falscher Schlüsse wie im Falle von Impfungen.

Eine Frage des Geschlechtes?

Der NZZ-Artikel macht implizit die Aussage, Massenhysterie, also MSI, betreffe vor allem Frauen:
Sowohl die Symptome – Schwindel, Angstzustände und Ohnmacht – als auch die Tatsache, dass jeweils eine grössere Gruppe junger Frauen betroffen war (und die männlichen Mitarbeiter der Schulen nie etwas abbekamen), deuten laut medizinischen Experten darauf hin, dass es sich um Massenhysterie handelt.
Sind Frauen tatsächlich öfter von MSI betroffen als Männer? Wenn ja, warum?

Von den oben zitierten Studien kommt keine explizit zum Schluss, dass Frauen für MSI anfälliger seien. Die Studie «Protean nature of mass sociogenic illness» beschreibt zwar Fälle von MSI, etwa mittelalterliche Nonnen-Orden, welche vor allem Frauen betreffen. Die Autoren kommen aber zu folgendem Schluss:
It seems clear that there is no particular predisposition to mass sociogenic illness and it is a behavioural reaction that anyone can show in the right circumstances.
Wenn also Frauen öfter in MSI-Ausbrüche involviert sind, könnte das bedeuten, dass Frauen öfter MSI begünstigende soziale Situationen und Strukturen erleben. Die Studie «Illness by suggestion: expectancy, modeling, and gender in the production of psychosomatic symptoms» kommt aber zu einem anderen Schluss. In dieser Studie wurde versucht, in einer (nur randomisierten und nicht doppelblinden) experimentellen Anordnung zu untersuchen, ob Geschlechterunterschiede bei der Entwicklung von MSI zu beobachten sind. Als Zusammenfassung der Ergebnisse halten die Autoren fest:
Symptoms typical of clinical reports of MPI can be induced by manipulating response expectancies, and the effects are specific rather than generalized. Among women, this effect is enhanced by observing another participant (who in this study is also female) display symptoms. This suggests that the preponderance of women showing symptoms in outbreaks of MPI may be due to gender-linked differences in the effects of modeling on psychogenic symptoms.
Eine der Schwächen dieser Studie ist, dass der MSI-Effekt, d.h. das stärkere subjektive Wahrnehmen von Symptomen, wenn die Symptome bei einer Drittperson gesehen werden, nur anhand einer weiblichen Drittperson gemessen wurden. Auch ist u.a. auffällig, dass für eine Reihe von Versuchen (23.3%) die Videokamera, welche das Geschehen aufnehmen sollte, nicht funktionierte; es ist unklar, ob dies zu einer Verzerrung geführt hat.

Ob und wenn ja, warum Frauen insgesamt anfälliger für MSI sind, vermag ich nicht abschliessend zu beurteilen. Es ist möglich, dass die alte «Männer erkranken, Frauen werden hysterisch»-Medizinsicht in der vorschnellen beurteilung von MSI als Frauenphänomen ein Stück weit nachhallt. Für eine qualifizierte Beurteilung dieser Frage fehlt mir aber der nötige Forschungsüberblick.

Fazit

Dieser Blogeintrag soll nicht eine Sympathiebekundung für die Taliban sein.
«Mass sociogenic illness» (bzw. «mass psychogenic illness») ist ein Phänomen, das zu denken gibt. Wenn mehr oder weniger ohne Vorankündigung eine Gruppe von Menschen von demselben Leiden befallen wird, und wenn die Betroffenen dabei nicht etwa simulieren, sondern tatsächlich Dinge erleben, welche sie kaum zu steuern vermögen, dann ist die Gefahr gross, dass für solch beängstigende Vorgänge um jeden Preis nacht Antworten gerungen wird, auch wenn sie nur scheinbar Erklärungen liefern.

Wie viele «Hexen» wohl verbrannt, wie viele unschuldige Kinder wohl von Dämonen «befreit», wie viel wichtige medizinische Behandlung wohl vorenthalten wurde, nur weil Fälle von «mass sociogenic illness» missverstanden wurden? Man mag es sich gar nicht vorstellen.

1 Kommentare:

eso-policier hat gesagt…

Das ist ein interessanter Beitrag. Zu den eingebildeten Problemen gehört auch das sogenannte biologische Alter. In Wirklichkeit gibt es gar kein biologisches Alter. Ein Mensch wird "alt" oder krank nur durch berufliche Probleme, Selbstzerstörung, Langeweile oder ähnliches. Mehr dazu unter
www.esopolice.wordpress.com

Kommentar veröffentlichen