7. Juli 2012

Eine Typologie der Negativkommentare zum Higgs-Boson

Am Mittwoch, dem 4. Juli, gab das CERN bekannt, dass durch Messungen ein neues Teilchen entdeckt wurde, welches die Eigenschaften des Higgs-Boson erfüllt. Somit liegt ein Ergebnis von grosser Bedeutung vor, hilft doch das Higgs-Boson, zu erklären, warum Partikel überhaupt Masse erhalten.

Um dieser enormen Leistung und wohl bahnbrechenden Entdeckung gerecht zu werden, genügen meine Physikkenntnisse bei weitem nicht aus. Stattdessen möchte ich an dieser Stelle einen kleinen Ausflug in die Reaktionen zu der Entdeckung des CERN unternehmen.

Für die Online-Ausgaben der NZZ, des Tagesanzeigers, des Blick und von 20minuten habe ich die Leserkommentare des jeweils ersten Artikels, welcher die Entdeckung des CERN dokumentiert (bzw. des ersten Artikels, bei welchem die Kommentarfunktion freigeschaltet war), durchgelesen. Ich wollte in Erfahrung bringen, welche Dinge an den Higgs-Boson-Ergebnissen wie kritisiert werden. Aus den negativen Kommentaren lassen sich, wie ich unten aufzuzeigen versuche, 7 Gruppen unterscheiden.

Antiwissenschaft

Eine erste Gruppe der Kommentatoren bezeichne ich als «Antiwissenschaft»:
Die Gruppe der «Antiwissenschaft» zeichnet sich dadurch aus, dass die Kompetenz der CERN-Forscherinnen und -Forscher in Abrede gestellt wird, aber auch der Wissenschaft grundsätzlich. Wissenschaft gilt als Unterfangen, welches wider die Natur ist und darum falsch sein muss. Das Motiv der Hybris spielt hier eine zentrale Rolle: Wissenschaft vergisst, was die Stellung des Menschen im Kosmos ist und stört mit ihren Eingriffen die natürliche Ordnung, was letztlich den Untergang der Menschheit bedeutet.

Kein Nutzen und zu teuer

Die «Kein Nutzen und zu teuer»-Gruppe ist auch verhältnismässig prominent vertreten; hier einige Beispiele:
Die «Kein Nutzen und zu teuer»-Gruppe stellt anders als die «Antiwissenschaft»-Gruppe nicht die Güte der Forschungsergebnisse oder Wissenschaft im allgemeinen in Frage, sondern versucht sich an einer Rechnung von Aufwand und Ertrag. Das Hauptnarrativ ist, dass das in CERN investierte Geld keinen entsprechenden Nutzen bringt, und die gegenwärtigen Ergebnisse des CERN an und für sich gar nicht wichtig sind. Dabei werden Kosten und Nutzen nicht im Rahmen wissenschaftlicher Grundlagenforschung kritisiert, sondern in einem alltagsökonomischen Verständnis, wo Geld einen Tausch für konkrete Güter und Dienstleistungen bedeutet.

Hunger

Eine weitere Gruppe der kritisch Kommentierenden nenne ich «Hunger»:
Die «Hunger»-Gruppe ähnelt in ihrem Argumentarium der «Kein Nutzen und zu teuer»-Gruppe, wobei weniger der Eigennutz und mehr ein altruistisches Motiv hervorgehoben wird: Es ist verwerflich, Geld in Teilchenforschung zu investieren, während anderswo noch Menschen an Hunger oder sonstwie leiden. Auch diese Überlegung postuliert implizit ein alltagsökonomisches Modell, bei welchem das in CERN investierte Geld dort fehlt, wo Menschen hungern müssen.

Religion

Auch anzutreffen sind Kommentare, welche auf Religion und Gottheiten rekurrieren:
Es ist schwer abzuschätzen, ob diese Gruppe eigenmotiviert ist, oder erst durch den Begriff des «Gottesteilchens», welcher sich ausserhalb der Forschergemeinde für das Higgs-Boson eingenistet hat, mobilisiert wird. Die Gruppe «Religion» ist verwandt mit jener der «Antiwissenschaft»: In beiden Fällen wird die CERN-Forschung als Affront angesehen. Mit einiger Süffisanz wird bei «Religion» dabei festgehalten, dass diese Form der Forschung nur zu entdecken versucht, was Gläubige schon lange wissen.

Verschwörung

Obwohl in den Kommentaren nicht sehr dominant, ist auch eine Gruppe «Verschwörung» ansatzweise auszumachen:
Dieser Ansatz einer CERN-Verschwörungstheorie behauptet, die Ergebnisse seien gefälscht, und letztlich gehe es nur um Geld. Die Idee, dass Forscherinnen und Forscher Ergebnisse fälschen, um weitere Forschungsgelder zu erhalten, ist ein wichtiges Element antiwissenschaftlicher Verschwörungstheorien. Damit wird das Leugnen der Ergebnisse legitimiert: Wenn z.B. die Datenlage zeigt, dass der Mensch den Klimawandel mitverursacht, werden die Ergebnisse geleugnet, weil im Voraus klar ist, dass die Wissenschaft dahinter korrupt ist. Dieser Mechanismus der Korrumpiertheit als Prämisse ist ein wichtiges Mittel zur Tilgung kognitiver Dissonanzen, was miterklärt, warum sich Verfechterinnen und Verfechter von Verschwörungstheorien durch Fakten oft nicht von ihrem Glauben nicht abbringen lassen.

Zurück zur Natur

Eine weitere Gruppe, welche sich andeutet, nenne ich «Zurück zur Natur»:
Die Gruppe «Zurück zur Natur» hängt eng mit den Gruppen «Kein Nutzen und zu teuer» und «Hunger» zusammen: Wir investieren Ressourcen in das CERN, obwohl es Wichtigeres gäbe. «Zurück zur Natur» bringt im Unterschied zu diesen zwei Gruppen nicht konkrete eigennützige oder altruistische Kritik an, sondern ruft zu einer nostalgischen, aber nicht unbedingt rückwärts gerichteten Neuordnung unserer Prioritäten. Das Streben nach abstrakter Erkenntnis hilft nicht, die «conditio humana», die Ängste und Zweifel des Menschseins zu lindern.

Besserwissenschaftler

Eine letzte Gruppe der Kommentierenden nenne ich ihn Anlehnung an den Begriff «Besserwisser» «Besserwissenschaftler»:
Die Gruppe der «Besserwissenschaftler» - in den Kommentaren, welche ich angeschaut habe, nur eine kleine Minderheit - lehnt die Ergebnisse des CERN als faktisch oder wertend falsch ab. Dabei soll der Eindruck entstehen, diese Beurteilung stamme aus einem qualifizierten wissenschaftlichen Blickwinkel. Ein wichtiges Element bei «Besserwissenschaftlern» dürfte der Verweis auf die Ergebnisse anderer wissenschaftlicher Forschung sein, welche nach genauerer Prüfung verworfen werden mussten. Es wird aber nicht der Inhalt der vorliegenden Forschungsergebnisse aufgrund ähnlicher Fehler anderer Ergebnisse kritisiert, sondern nur eine oberflächliche Analogie zu der medialen Rezeption der vorherigen Forschung gemacht.

Fazit

Dieser Blick in die Negativkommentare zu der Higgs-Boson-Forschung am CERN ist sicherlich nicht sehr aussagekräftig und verallgemeinbar, deutet aber immerhin an, welche Formen wissenschaftskritischer Haltungen in der heutigen Online-Population vorhanden sind. Den roten Faden bildet, was ich Wissenschaftsverdrossenheit nenne: Wissenschaft wird pauschal abgelehnt, verlacht, geleugnet, diskreditiert, und das eigene Empfinden und ad hoc-Erklärungen sind prinzipiell aussagekräftiger als wissenschaftliche Forschung. Da alle Kommentare von den betroffenen Webseiten kontrolliert und gefiltert werden, ist anzunehmen, dass die obige Typologie nicht erschöpfend ist und die abstrusesten Kommentare gelöscht wurden.

Allzu grosser Pessimismus ist trotzdem nicht angebracht, denn die Mehrheit der Online-Kommentare hat die Ergebnisse am CERN als das gefeiert, was sie sind: Ein Monument des menschlichen Forschergeistes, welches eindrücklich demonstriert, zu welchen Leistungen Menschen in der Lage sind, so sie sich in Vernunft vereinen.

4 Kommentare:

Ursi_fisha hat gesagt…

Die Liste ist unvollständig: die Skeptischen Öko-Negativisten sind noch vergessen worden: Sie bemängeln den Stromverbrauch, insbesondere den Atomstromverbrauch. Diese Technologieskeptiker wollen tatsächlich, dass mehr im Bereich erneuerbare Energie geforscht wird, die gemäss Atom-Positivisten völlig un-ökonmisch ist. Dabei verspricht der Higgs-Fusionsreaktor dereinst 'to-cheap-to-meter'-Energie und das bei annäherungsweise Null Risiko. Oder hatten wir das schon einmal??

Stefan Koster hat gesagt…

Higgs-Fusionsreaktor? Wo kommt das denn her? Wenn's nur um Kernfusion ginge... Da kennt man die Grundprinzipien ja schon gut genug, um in Südfrankreich einen experimentellen Fusionsreaktor mit positivem Energieoutput zu bauen.
Ich persönlich treffe vor Allem die typ 3-er an, die zuerst immer gleich fragen "und was bringt das". Die kann man meist recht schnell (wenn auch ein klein wenig unehrlich) abstellen, wenn man auf all die technischen Entwicklungen hinweist, die sozusagen als Seiteneffekt vom LHC entstanden oder verbessert worden sind, wie kryotechnologie, supraleiter und verteilte Datenverarbeitung.
Uneherlich deshalb, weil das ja alles ganz nett ist, aber nicht der Grund warum die Anlage gebraucht wird. Das wäre nämlich Grundlagenforschung, der Wille zum Wissen. Aber das geht solchen Kommentatoren allem Anschein nach ab.

Plor hat gesagt…

Nicht zu vernachlässigen: Die "Das versteht doch kein Mensch"-Larmoyanz-Fraktion. Unter anderem vertreten durch F.J. Wagner in der deutschen BILD.

Markus Graber hat gesagt…

@Stefan Koster
Nur um hier präzise zu sein: Der experimentelle Fusionsreaktor ITER in Cadarache ist zurzeit im Bau und soll nach Plan ab 2020 in Betrieb gehen. In den Jahren danach soll es Reaktionen mit positiver Energiebilanz geben.
Allerdings ist infolge massiver Kostenüberschreitungen das Projekt bereits arg in Verzug geraten, eine Fertigstellung ist bereits nicht mehr sicher.

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