13. August 2012

Eine Typologie der Negativkommentare zur Marsmission «Curiosity»

Vor knapp einem Monat habe ich Online-Artikel, welche die Entdeckung des Higgs Bosons am CERN beschrieben, ein wenig unter die Lupe genommen: Ich wollte versuchen, Kommentare zu diesen Artikeln, die eine tendentiell ablehnende, kritisierende Meinung vertreten, nach bestimmten Typen zu unterscheiden.

Am 6. August ist die NASA-Marsmission «Mars Science Laboratory», inkl. dem Vehikel «Curiosity», erfolgreich auf dem Mars gelandet. Abgesehen davon, dass diese ca. 8 Monate andauernde Reise zum Mars eine technische Meisterleistung darstellt, werden mit dieser Marsmission Daten über unseren roten Nachbarn in bisher unerreichter Fülle gesammelt. Ähnlich wie bei den monumentalen Ergebnissen zum Higgs Boson ist die Marsmission nicht vor kritischen Kommentaren gefeit. Im Folgenden versuche ich, die kleine Typologie der Negativkomentare auf die NASA-Mission anzuwenden.

Erweiterung der Typologie

Die Typologie der Negativkommentare zum Higgs Boson umfasste folgende Kategorien:
  • Antiwissenschaft
  • Kein Nutzen und zu teuer
  • Hunger
  • Religion
  • Verschwörung
  • Zurück zur Natur
  • Besserwissenschaftler
Die Kategorien «Kein Nutzen und zu teuer», «Hunger», «Zurück zur Natur» lassen sich als Unterkategorien einer Kommentargruppe ansehen, die ich «Falsche Prioritäten» nenne. Diese Gruppe ergänze ich durch die Kategorie «Wichtigere Probleme». Die leicht veränderte Typologie sieht folgendermassen aus:
  • Antiwissenschaft
  • Falsche Prioritäten
    • Kein Nutzen und zu teuer
    • Hunger
    • Zurück zur Natur
    • Wichtigere Probleme
  • Religion
  • Verschwörung
  • Besserwissenschaftler

Antiwissenschaft

Die Gruppe der «Antiwissenschaft»-Kommentare ist relativ kleiner als bei der Higgs Boson-Geschichte, aber dennoch vertreten:
Antiwissenschafts-Kommentare werfen den involvierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Inkompetenz, unlautere Motive und letztlich Hybris vor: Die Erforschung des Mars bedeutet einen implizierten Verstoss gegen die «natürliche Ordnung». Die Antiwissenschafts-Gruppe leugnet nicht zwingend die faktische Seite der Ereignisse (d.h., es wird nicht zwingend bestritten, dass die Marsmission tatsächlich stattfindet).

Falsche Prioritäten: Kein Nutzen und zu teuer

Die «Kein Nutzen und zu teuer»-Gruppe der Kommentierenden ist auch bei der Marsmission der NASA anzutreffen:
Die «Kein Nutzen»-Untergruppe kritisiert in erster Linie die angeblich hohen Kosten im Verhältnis zu dem angeblich kaum vorhandenen Nutzen der Marsmission. Diese Untergruppe lässt sich nicht ganz trennscharf von den restlichen Untergruppen der «Falsche Prioritäten»-Kategorie unterscheiden, zeichnet sich aber dadurch aus, dass die Marsmission als allgemeine Ressourcenverschwendung kritisiert wird, und nicht andere vermeintlich wichtigere Probleme genannt werden, welche aufgrund der Marsmission keine Beachtung finden.

Falsche Prioritäten: Hunger

Eine weitere «falsche Prioritäten»-Untergruppe ist «Hunger»:
Die «Hunger»-Untergruppe kritisiert, dass Geld für die Marsmission ausgegeben wird, während gleichzeitig viele Menschen Hunger leiden müssen oder allgemein kein menschenwürdiges Leben leben. Diese Kritik beruht auf einem einfachen Nullsummenspiel, bei welchem das in wissenschaftliche Projekte wie die NASA-Marsmission investierte Geld automatisch an einem anderen Ort fehlt, und zwar bei den Ärmsten und Schwächsten.

Falsche Prioritäten: Zurück zur Natur

Die «Zurück zur Natur»-Gruppe fällt bei der Marsmission verhältnismässig klein aus, ist aber dennoch vertreten:
«Zurück zur Natur» mag dabei ein ungeschickt gewählter Name sein: Es geht dieser Gruppe nicht primär darum, Umweltschutz o.ä. zu betreiben, sondern eher um eine neue alte Geisteshaltung. Nicht nach aussen gerichtete Forschung in Form von moderner Wissenschaft bringt die Menschheit vorwärts, sondern eine nach innen gerichtete Forschung, also eine Neureflexion unserer Einstellungen und Werte sowie ein Streben nach den Tugenden.

Falsche Prioritäten: Wichtigere Probleme

Prominent vertreten ist die Gruppe, welche ich «wichtigere Probleme» nenne:
Die Gruppe der «wichtigere Probleme»-Kommentierenden ist im Grunde genommen eine Art unspezifischeres Vorstadium des «Hunger»-Argumentes: Es wird bemängelt, dass die Marsmission eine Ressourcennutzung bedeutet, welche anderswo angebrachter wäre (etwa bei der Bekämpfung von Hunger und Elend, wie die «Hunger»-Gruppe argumentiert). Im vorliegenden Beispiel ist die inhaltlich unspezifische «wichtigere Probleme»-Gruppe verhältnismässig stark vertreten, weil sich angesichts des Gegenstandes der Marsmission das Argument «Wir haben wichtige Probleme auf der Erde, und da fliegen Wissenschaftler auf den Mars» anbietet.

Religion

Auch bei der Marsmission sind einige, wenn auch wenige, kritische Kommentare anzutreffen, welche auf Gott(heiten) rekurrieren:
Da in den «Religion»-Kommentaren in der Regel nicht explizit auf eine bestimmte Religion Bezug genommen wird, sondern auf «Gott», ist der Name dieser Gruppe womöglich unpassend, aber ich gehe davon aus, dass das Gottesbild der Mehrheit dieser Kommentierenden bestimmten religiösen Vorstellungen entspringt.

Verschwörung

Zahlreiche Negativkommentare lassen sich der Gruppe der «Verschwörung» zuordnen:
Obschon zu vermuten ist, dass Verschwörungs-Argumente zur Standarddramaturgie wissenschaftsablehnender oder -pessimistischer Reaktionen gehören, stellt die Marsmission der NASA einen besonderen Nährboden dafür dar: Die Verschwörungstheorie, die Mondlandung von 1969 sei ein in Hollywood gedrehter Hoax der NASA, hält sich scheinbar so stark, dass jede weitere Erforschung des Weltraums zwangsläufig als weiterer Lügenbaustein der Grossverschwörung angesehen wird. Anders als die Verschwörungs-Argumente zu den CERN-Ergebnissen kommen hier kaum Vorwürfe der Erschwindelung von Forschungsgeldern vor. Möglicherweise ist dies ein Anzeichen, dass die Reaktion des Verschwörungs-Vorwurfs bei der Marsmission einen derart viszeralen, emotionalen Charakter hat, dass gar nicht versucht wird, eine einigermassen umfassende Verschwörung mit Erklärungen für Motive der Übeltäter zu postulieren, sondern einfach «Fake!» zu schreien.

Besserwissenschaftler

Die ebenfalls prominent vertretene Gruppe der «Besserwissenschaftler» dürfte mit ein Grund sein, warum sich Verschwörungs-Argumente zur Marsmission grosser Beliebtheit erfreuen:
Süffisante, teilweise hämische Bemerkungen zu angeblichen technischen Mängeln und Fehlern der Marsmission dürften dazu beitragen, den Eindruck einer Verschwörung zu erwecken: Wenn derart grosse vermeintliche Fehler vorliegen und für Nicht-Experten offensichtlich sind, kann das Ganze nicht mir rechten Dingen zugehen.
«Besserwissenschaftler» demonstrieren nicht etwa fachspezifische Expertise, sondern gerade das Gegenteil, Abwesenheit von Expertise. Eben aus dieser Unwissenheit über den kritisierten Gegenstand ziehen «Besserwissenschaftler» ihren Hohn: Das Gefühl, durch ihren «gesunden Menschenverstand» den involvierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern überlegen zu sein, ist für «Besserwissenschaftler» Anlass, sich über diese abschätzig zu äussern.

Fazit

Mit dieser (durchaus unterhaltend und nicht enorm ernst gemeinten) Weiterführung der Typologie von Negativkommentaren zu wichtigen Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung möchte ich vor allem aufzeigen, dass Wissenschaftskritik oft ganz ähnliche Muster aufweist und in der Regel aus Fehlschlüssen aller Art besteht.

Je nach kritisiertem Gegenstand kommen aber unterschiedliche Negativkommentare stärker zur Geltung: Während bei der CERN-Forschung zum Higgs Boson eine antiwissenschaftliche Haltung aufgrund der angeblichen Hybris der Forschenden oft vertreten wurde, dominieren bei der Marsmission «Mars Science Laboratory» das verschwörungstheoretische sowie das besserwissenschaftlerische Argumentarium.

Sollte das in der Typologie der Negativkommentare skizzierte Muster mehr oder weniger Bestand haben, stellt sich die Frage, wie mit diesen Kommentatorinnen und Kommentatoren umzugehen ist - können solche Menschen doch noch für Wissenschaft begeistert werden? Oder gilt die zeitlose Weisheit «haters gonna hate»?

2 Kommentare:

Maxim hat gesagt…

Wie soll man mit solchen Menschen umgehen?!...Die Frage sollte man präzessieren: Wie soll man mit Dummen und Ignoranten oder noch schlimmer dummen Ignoranten umgehen?
Meine Methode ist nicht besonders saft, aber einfach: friss oder bleib dumm. Ein Link mit Richtigstellung oder einen Buchtipp in den Thread werfen und dezent auf die mangelnde Bildung hinweisen. Dabei sollte man ruhig bleiben. Wenn der Gegenüber nicht gerade hohl wie Bambus ist, dann wird er den Hinweis (zähneknirschend) schlucken. Ansonsten ist wahrscheinlich jede weitere Diskussion sinnlos und man kann sich über die Menschen lustig machen und bei jedem weiteren Kommentar auf deren Beschränktheit hinweisen. XD

sylar_5 hat gesagt…

Die Falsche-Prioritaeten-Menschen kann man meist in einem vernuenftigen Gespraech ueberzeugen. Das sind hauptsaechlich gutmuetige Menschen, die sich einfach zu wenig Gedanken hierum gemacht haben, und von diesem Geistesblitz ("viel Geld ausgegeben? Keinen vorhersehbaren Nutzen? Aber Menschen Hungern!") dann vorerst wahrscheinlich so ueberzeugt sind, dass sie nicht weiterrecherchieren werden. Wenn man z.B. den Nutzen der Raumfahrt praesentiert, und noch erwaehnt, dass das Geld ja nicht, wie vorschnell angenommen, verschwindet, sind diese sehr oft sehr schnell wieder beruhigt. (Auch hier gibt es die ignorante Gruppe, allerdings ist diese deutlich in der Minderheit. Und dieser Gesamte Artikel ist eine Generalisierung der Kommentatoren...)
Den Besserwissenschaftlern kann man die Probleme zwar erklaeren, und sie werden es verstehen. Das ist allerdings nicht besonders nachhaltig, da sie bei der naechsten Gelegenheit wieder vor Unwissenheit strotzen. BTW: Dunning-Kruger-Effekt laesst gruessen.Bei Verschwoerungstheoretikern oder Antiwissenschaftlern ist dies kaum zu bewerkstelligen, denn jeder, der diese vom Gegenteil zu ueberzeugen versucht, ist ja Teil der Verschwoerung bzw. der Geldgeilen.Die Religionsgruppe zu ueberzeugen zu versuchen verstoesst gegen meinen Grundsatz, Menschen ihren Glauben zu lassen, solange sie mich damit in Ruhe lassen. Sprich: Wenn sie die Raumfahrt nicht einschraenken wollen, sondern nur kritische Kommentare bzgl. ihrem Glauben abgeben, passts. Und wenn sie sie einschraenken/verbieten wollen, dann sollte man sie eher davon ueberzeugen als ihre Motive komplett infrage zu stellen.
Bei der Einteilung wuerde ich ein paar Aenderungen vorschlagen:-Hunger ist nur eine wichtige Unterkategorie der falsche-Prioritaeten-Gruppe, anstatt eine gleichgeordnete.-Antiwissenschaft und Verschwoerung sind auch so stark verwandt, dass man sie unter eine Gruppe setzen sollte. Allerdings liegt Antiwissenschaft auch sehr nahe an den Besserwissenschaftlern (Stichwort Inkompetenz). -Unter dieser Gruppe (Antiwissenschaft) vereinigen Sie zwei m.E. fundamental verschiedene Haltungen (unlautere Motive, Inkompetenz). Eine Aufteilung waere hier m.E. sinnvoll.
-Man koennte die Kategorien nach der oben genannten Skala nach genereller Ueberzeugbarkeit (Besser Begriff gerne willkommen ;) ordnen.


Ich finde die Idee, Kommmentare einzuordnen, spannend (Das tue ich selbst manchmal bei bestimmten Themen). Ich freue mich auf weitere Updates.

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